Spielerische Information beim Medienforum?
Gestern einen Blick in den Medienforum-Kongress der medienwoche berlin-brandenburg geworfen. Nachdem ich mehrere ironische Blicke ob meiner Blogger-Referenz bei der Vorort-Akkreditierung mit meinem Fachjournalisten-Ausweis abwehren musste (“Presse-Einlaß nur für berichtende Presse” – “Ja, ich berichte” – “In einem Blog?” (hochgezogene Augenbraue …)), gelangte ich in die heiligen Hallen des Berliner Congress Centrums (coole Location – mitten in der Stadt gelegen!). Die Vorträge zu Games und Content-to-go interessierten mich – und natürlich auch ein aktueller Einblick in die Szenerie.
Also fasse ich zusammen:
- Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging im simulierten Klassenraum getestet. Erste Berührung mit Nintendo DS. Zwei (verhältnismäßig kleine) Bildschirme, einer davon mit Touchscreen. Links die didaktischen Anweisungen – rechts die interaktiven Übungen. Erster Eindruck: Sehr intuitiv, kurzweilig gestaltet, macht Spass – vielleicht ein Spiel, dem ich auch länger nachgehen könnte.
- Verschiedene Wii-Demos (auch Lernspiele) begutachten können.
Highlight: 2 Anzugsträger spielen virtuelles Tennis – super, wie die Jacken flackern – leider war mein Kameraakku leer
- Vortrag zu kommenden Games-Blockbustern, die gerade auf der beendeten Games Convention in Leipzig präsentiert wurden. Nintendo folgt seinem Innovationspfad und bringt demnächst auch in Deutschland Wii fit heraus, ein weiteres Spiel mit neuem Interaktionsgerät: dem sogenanannten Wii Balance Board. Diese Fuß-Waage misst z.B. den individuellen Body Mass Index und entwickelt adäquate Fitnessübungen, die im komparativen Vergleich mit anderen in kleinen Zeiteinheiten durchgeführt werden können. Angesichts des Erfolges des Gehirn-Joggings und des Wii-Sensors zeichnet sich hier der nächste große Erfolg ab. Schöne Entwicklung: der virtuelle Raum erweitert sich in den realen – wahrhaftig Blended …
Interessant an Nintendo-Entwicklungen: neues Game-Design, das weniger auf immersive Welten denn auf kurzweilige, 5-10-minütige Sessions setzt – also vergleichbar zu Tendenz Richtung kleinerer Wissensnuggets. Vielleicht wünschen Menschen nach spätestens 10 Minuten emotional entlassen zu werden?! - MTV produziert ein neues Game namens Rock Band, das es bis zu 4 Personen erlaubt, ein gemeinsames Karaoke-Spiel durchzuführen. Per Xbox 360 oder Playstation 3 können 2 Luftgitarren, 1 Luftschlagzeug und der Gesang zu den Regieanweisungen der MTV-Musicbox auf dem Bildschirm bewegt werden. Diese moderne Form des angepassten Playbacks ist bestimmt lustig. Möchte unbedingt Live-Vorführung sehen (als Zuschauerin, versteht sich
). Auch hier wieder “Blended Interaction” mit kollaborativen Elementen. Die Online- und Offline-Welten verschmelzen zusehends. - Was noch (abgesehen vom leckeren Mittagsbuffet)? Die Erkenntnis, dass die Fernsehanstalten derzeit massiv in das Game-Business einsteigen, um ihren digitalen Kanal aufzurüsten. Die Spiele-Industrie wittert entsprechend einen weiteren Vertriebskanal und bewirbt ihre spielebasierten Produkte für das digitale Kinderzimmer (Preis der Jetix-Kidometer-Studie: lächerliche 14.500 Euro – u know, what I mean?!). Was mir in diesem Kontext etwas zu kurz kommt, sind kluge Diskussionen, wie sich der passive Fernsehrausch durch intelligente Interaktionen erweitern liesse. Weniger i.S. der heute gerne zitierten Wertschöpfung, sondern vielmehr im Interesse der “Konsumenten”,die in einer aktiveren Version vielleicht weniger politikmüde und hedonistisch sich gebärden würden, sondern Verantwortung übernähmen für sich und ihre Umwelt.
- Dominanz der Business-Kleiderordnung – von Casual Friday keine Spur
. Aber, wenn ich einen oberflächlichen, soziologisch motivierten Vergleich ziehen darf zu vergleichbaren eLearning- oder Technologie-Events:
- Nur wenige aufgeblasene Fuzzies
- Insgesamt ähnlich wenige Frauen – dafür aber: selbstbewusst, Anne-Will-Typus
- Content-Präsentationen entsprechen Old-School-Denken:
- Merian + Feinschmecker bringen ein eigenes Navigationsgerät im Werte von 779 Euro (!) heraus, um Menschen ziemlich textlastige Informationen (zzgl. gelegentlicher Audiopodcasts) zu per GPS georteteten Destinationen zu liefern. Wer benötigt wirklich noch ein Gerät, wo doch andere Hardware-Hersteller an der Konvergenz der mobilen Empfangsgeräte recht erfolgreich arbeiten?
- Hybrid-DVDs, die neben einer vereinfachten Produktionsweise auch interaktive Zusatzinformationen aus dem Internet gewähren. Einzig die Bewertungen einzelner Szenen sind user-generated – ansonsten herrscht weiterhin der Kontrollwahn über die präsentierten Inhalte vor.
Alles in allem will mir der präsentierte Content ausbaufähig erscheinen. Und so harre ich weiterhin der sinnvollen Vernetzung von neuen Medien und Information.
Solange sich die Szene aber
- als extrem innovativ versteht, wenn sie ihre alten Prozesse in neue Technologien einspeist und
- die Konzepte immer nur nach ihrer Reichweite beurteilt werden
fällt den Entwickler/innen auch absehbar nichts weiter ein als die virtuelle Fortsetzung seichter Fernsehserien (wie das präsentierte Herzenssprung der morgen studios).
FAZIT
Es besteht eine große Content-Lücke, die u.a. der Wissenschaftsbetrieb füllen könnte – allerdings bedürfte es auch hier der Bereitschaft, verkrustete Strukturen zu verlassen und i.S. einer öffentlich-rechtlichen Teilhabe sozio-kulturelle Verantwortung zu leben! Ob das vom Hasso-Plattner-Institut beworbene Lernsehen den Erfordernissen der Zeit entspricht, möchte ich aus meiner eduvisionistischen Perspektive heraus bezweifeln. Wenn Interaktion weiterhin nur als Programmauswahl (auch innerhalb eines Vortrages) gedacht wird, ändert sich nichts am Konsumverhalten der Nutzer/innen – und wer benötigt wirklich passive Mitmenschen?!
Halten wir also fest: Es bleibt viel zu tun!
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Tags: content | game | interaction | kinder | medien | medienkompetenz | mobile | studie | tv
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