Die Pipe ist wichtiger als der Content
Gestern Abend nahm ich erstmals an einer Live-Session des Connectivism-Kurses von George Siemens und Stephen Downes teil – eher zufällig, denn ich folgte spontan dem Meeting-Hinweis von George Siemens in Twitter. Im Elluminate-Meeting angelangt, fand ich vor: eine interessante Gesprächsrunde (zwischen 40 und 45 TN) und ein interessantes Thema: Man sprach über die allgemeinen Befindlichkeiten nach 4 Wochen Online-Kurs.
Dieser Diskurs erinnerte mich stark an viele Diskussionen mit den Teilnehmer/innen “meiner” Events:
- Wie kann ich meinen Lernerfolg messen?
- Es bedarf größerer Feedback-Schleifen seitens der Moderation.
- Oder wenigstens sollten Selbsttest-Angebote geschaffen werden.
- Und Einstiegstests, um für verschiedene Zielgruppen unterschiedliche Häppchen anbieten zu können.
- Und überhaupt benötigen manche mehr Führung, weil viele Materialien ohne Priorisierung seitens des Anbieters den Lernenden keine Orientierung bieten.
Also, um es auf den Punkt zu bringen: hier wie dort ist die Fähigkeit zum selbstorganisierten Lernen nicht sehr stark ausgeprägt (um es mal diplomatisch auszudrücken) …
So weit, so schlecht. Jetzt wäre zu überlegen, ob man in Form eines Propädeutikums diese Kompetenzen didaktisch schult und dann erst in die Thematik einsteigt – oder entsprechend des Learning 2.0-Ansatzes den Leutchen das gelebte Chaos selbstverständlich vorlebt und sie in die Pflicht nimmt, sich gefälligst selbst Ziele zu setzen und diesen konsequent nachzugehen. Ich tendiere bekanntlich aus vielerlei Gründen zu letzterem – und da mich in der Zwischenzeit viele ehemalige “Probanden” begleiten bzw. mir selbst neue Trends zeigen, sehe ich keine Notwendigkeit, meine Vorgehensweise zu ändern. Rein ins klirrend kalte Learning 2.0-Wasser werfen, strampeln lassen, zwischendurch mal Sauerstoff reichen und schon beginnen sie langsam zu schwimmen – erst mit Schwimmärmchen, dann in regelmäßigen Zügen und schließlich kraulen sie hinweg. Oder wie sprach so schön eine der gestrigen Chat-Teilnehmerinnen: “Personal cognitive filtering is a 21-century skill”.
Und bei der Ausbildung dieser modernen Skills hilft auch die gegenwärtige “explosion in open learning” (Graham Attwell). Um nur einige hier aufzuführen:
- CCK08 Massive Open Online Course (Siemens & Downes)
- Living Literature though Exploration (Costa)
- Web 2.0 for Learning Professionals (Jarche & Martin)
- eLearning 2.0 Research Webinar (Wexler, Hart, Karrer, Martin, Oehlert, Parker, Schlenker)
- …
Auch wenn Jochen Robes seine Zweifel hegt, inwiefern diese Angebote wirklich ihre professionellen Zielgruppen finden, bin ich persönlich dankbar für diese Entwicklung, da ich mich selbst gerne weiterbilde. Immer wieder verblüffend – obwohl ich selbst regelmäßige Virtual Classroom-Meetings durchführe: Diese offene Kommunikation in Zeiten verteilter sozialer Netzwerke ist so partizipatorisch – jedeR kann mit jedeM sprechen – in Echtzeit und global – das ist wirklich atemberaubend! Und man selbst nimmt teil, indem man “nur” seine Kommunikationskanäle entsprechend seiner Interessen organisiert, in kreativer Muße den empfohlenen Links folgt – und schließlich in einer Live-Session mit seiner thematischen “Affinity-Group” landet.
Das alles for free – bislang … denn die Frage der Finanzierung resp. der Akkreditierung, die Graham Attwell stellt, ist eine nach der Anbindung dieser Angebote an das bestehende formale Bildungssystem. So haben sich ca. 2.500 Teilnehmer/innen für den Connectivism-Kurs angemeldet, 1.800 Personen verfolgen The Daily-Newsletter des Kurses, gestern nahmen ca. 40 Personen an der Live-Session teil – und 32 zahlen für den Kurs, um sich ein Zertifikat der Universität of Manitoba zu erarbeiten.
Ich selbst starte heute meinen E-Learning-Kurs im Masterstudium der Internationalen Medieninformatik an der FHTW und habe mir überlegt, mit den Studierenden gemeinsam dem Connectivism-Kurs asynchron zu folgen und mich als Lernbegleiterin zu erproben. So lernen die Studis, ihre Strukturen im Sinne des lebenslangen Lernens zu setzen, erfahren in ihrem formalen Lernalltag, wie man sich informell selbstständig weiterbilden könnte und ich flankiere ggf. die Diskussionen mit ergänzenden Materialien.
Meine zentrale Arbeitsleistung wird allerdings eher in der Funktion als Sparringspartnerin begründet sein – übrigens wieder über Facebook, meinen Blog, Twitter, regelmäßige Live-Termine (in Präsenz oder im Virtual Classroom), das Wiki etc.. Insofern erlangen die Studis einige Credit Points der FHTW durch ein Kursangebot, das ursprünglich von der University of Manitoba finanziert wurde. Stellt dies ein ethisches Problem dar? Vielleicht aus klassischer Perspektive, nicht aber aus moderner: die Strukturen müssen halt angepasst werden – that’s the problem. Gegen die Kraft der Open-Success(?)-Story ist kein formales Kraut gewachsen …
Insofern fügen wir uns in den von Siemens vorgeschlagenen Kreislauf ein und ich konzentriere mich darauf, zunächst die ersten beiden Kompetenzen zu vermitteln – nämlich qualitativen Content zu finden und sich dann einen sinnvollen Pfad durch diese Contentfülle zu schlagen:

Ich werde weiter berichten – stay tuned …
Popularity: 26% [?]
Tags: bildung | oer | open access
Verwandte Artikel:


und ich war spontan kurz da, weil du das getwittert hast …
ich stimme ausdrücklich zu, was du über den schwimmunterricht schreibst.
zugleich denke ich aber gerade darüber nach, wie man ganz konkret italienischen arbeits- und/oder weiterbildungssuchenden mit bescheidener digital literacy auf Web2.0-art helfen kann. “Building learning experiences with software”, um einen schönen, damals auf communities gemünzten blogpost-titel von Joel Spolsky abzuwandeln. also noch bevor man an einem “kurs” teilnimmt. irgendwelche ideen?
ich finde ja facebook (ehrlich – ich besitze keine aktienoptionen an dieser firma – leider) recht geeignet als appetitanreger. sehr spielerisch, viele gute gruppen – und ohne didaktischen zeigefinger. einfach eine eigene (geheime) gruppe aufsetzen, alle gruppenmitglieder einladen (mit allen partizipativen möglichkeiten) – und los geht’s.
innerhalb der (geheimen) gruppe muss man schon selbst akzente setzen – aber spannend ist das drum herum. welche weiteren gruppen werden von wem gebucht? wer spielt mit wem? welche veranstaltungen werden von wem besucht? welche präsentationen werden empfohlen? usw. usf.
das soziale netzwerk lebt darin – und parallel kann man alle notwendigen diskussionen anstoßen: datensicherheit, urheberrecht, digitale identität etc. pp.
Meine Erfahrungen mit der “Social Software im eLearning” sind gespalten. Es gibt Personen, die sich schnell in einen offen gestaltenen Workshop einbringen können, andere erwarten (brauchen?) einen “Intructor”. Erstaunlicherweise kam die Mehrzahl dieser Personen aus dem Hochschulumfeld, wobei die Anzahl der Teilnehmer nicht für eine repräsentative Aussage genügt.
… letztlich sind wir ja alle kinder der gängigen edukativen sozialisation
wie wäre es statt “Social Software IM eLearning” mit “Social Software ALS eLearning”? was partielle instruction nicht ausschliessen muss – wer’s mag …
na ja, das ist es ja: Social Software ALS ein Werkzeug im Lernen und Trainieren
[...] Die Pipe ist wichtiger als der Content (Anja C. Wagner) [...]