“Participation Culture” statt “Net Generation”

Es ist ja merkwürdig: Ein Thema setzt sich langsam fest im Hinterkopf, diverse Fragen poppen dazu auf, lassen einen nicht mehr los und irgendwann fokussiert sich das Blickfeld auf dieses Sujet. So geht es mir derzeit mit den Medienkompetenzen der sog. “Net Generation”, die – wie wir seit Schulmeister’s Work in Progress (PDF) wissen – als analytische Kategorie zu weit gefasst erscheint. Ich frage mich gerade angesichts der gerade startenden DNAdigital, ob “Digital Natives” tatsächlich eine neue Unternehmensform aus sich heraus fordern – oder ob da nicht ganz andere soziale Faktoren wirken?!

Aus meiner Beobachtung heraus kann ich die von Schulmeister angeführten Studien bestätigen: Ein medienpartizipativer Lehr- oder Lernansatz wird seitens der jungen Menschen nicht gefordert, ja, er wird größtenteils gar abgelehnt. Ähnlich verhält es sich mit der Attraktivität von Serious Games: Diese werden von den tatsächlichen Gamern eher milde belächelt. Die selbstverständliche Nutzung neuer, auch sozial vernetzender Medien führt also nicht zwangsläufig zu einer Adaption in beruflichen Kontexten. Ganz im Gegenteil, man unterscheidet ganz klar: das eine ist privat, das andere das ernsthafte Leben. Wer jemals in Lehrangeboten versucht hat, seriös mit Textchats zu arbeiten, weiss, welche Sozialisationsgewalt man ausüben muss, um die “Net Generation” zu einer Überwindung ihres Jugendjargons (inkl. der Peer-Kürzel) zu treiben …

Wenn wir als Begründung für die Reformierbarkeit der (Hoch-)Schulen oder der Unternehmen nicht die monolithische Daseinsform der “Net Generation” heranzitieren dürfen, gilt es also zu fragen,

  • warum sich die Institutionen überhaupt verändern sollten (z.B. Einübung demokratischer Prozesse, Innovationskraft o.ä.)?
  • inwiefern ggf. latent vorhandene Kompetenzanlagen zur Medienpartizpation i.S. dieser Zielsetzungen urbar gemacht werden könnten?

Also, wo müssten formale Sozialisationsinstanzen ansetzen, um die sozialen Verwerfungen der medienpartizipatorischen Potenziale junger Menschen zu fördern? Und wenn sich die Medienkompetenz der Kiddies entlang verschiedener sozialer Faktoren (z.B. Bildungsschichten, Ethnizität, Urbanität) unterscheidet – die Ausgangsposition zur Entwicklung qualifizierter medienpartizipativer Potenziale sich sehr individuell, und eben nicht generationenweit entfaltet – wo setzt man an, diese potenziellen Kompetenzen – als Voraussetzung zur Transformation des selbstbestimmten Lernens und kreativen Arbeitens – zu formen? Wirken da nicht ganz andere Sozialisationsfaktoren auf sozialer Ebene, die sich erst über eine gesamtgesellschaftliche Akkommodation entfalten lassen? Will heissen: Auch wenn die Kiddies ggf. durch ihre Mediennutzung zumindest potenzielle partizipative Medienkompetenzen herausbilden (siehe das Poster von Jenkins/Wagner zu den 11 Kernkompetenzen der Medienpartizipation), steuern derzeit sämtliche gesellschaftlichen Sozialisationsinstanzen dagegen. Von den Familien über die Schule bis hin zur Berufstätigkeit – die Gesellschaft als solche ist in ihrer Mainstream-Ausgestaltung überhaupt nicht bereit für diese Potenziale.

Und hier gilt es aber anzusetzen: Der neue Digital Divide ist nicht mehr entlang des Medienzugangs zu suchen, sondern entlang der partizipativen Nutzung im “richtigen Leben” (ich weiss, es existiert nicht …). Aber wenn wir Partizipation als ein Gut im Zeitalter des globalisierten Miteinanders betrachten wollen, so müssen wir an verschiedenen Punkten ansetzen:

  • der Reflektion der sozialen Hemmnisse für eine partizipative Kultur;
  • der Förderung informeller Weiterbildungen, um alle gesellschaftlichen Teilhaber/innen auf den Weg mitzunehmen;
  • der institutionellen Reformierung, um geeignete Rahmenbedingungen für eine flexiblere Kultur zu schaffen;
  • der individuellen Befähigung der einzelnen Net Generation-Mitglieder, ihren “Participation Gap” (Jenkins) zu überwinden.

Mit anderen Worten:
Wir sind alle gefordert und können (leider) nicht auf die nächste Generation hoffen, denn nur durch den launischen Einsatz einzelner digitaler Medien ist der sozio-kulturellen Stagnation noch nichts entgegen gesetzt.

In diesem Kontext ist auch dieses Video einzuordnen, das mir heute morgen über den Weg lief …

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Eine Antwort to ““Participation Culture” statt “Net Generation””

  1. Manueller Trackback:
    Oktober 2008 im Kontext
    http://hyperkontext.at/weblog/artikel/oktober-2008-im-kontext/

    [...] Die “Digital Natives” mögen zwar eine statistische Gruppe in der Alterspyramide sein, für Sozialtheorien zur Medienpartizipation reicht das nicht aus wie ich meine und Anja C. Wagner [edFutureBlog] feststellt: Participation Culture statt Net Generation. Auch Michael Gisiger [Wortgefecht] weist darauf hin: Die digitale Spaltung. [...]

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