President 2.0

Wenn ich mir im Nachgang zu den gestrigen US-Wahl-Ereignissen das mediale Basislager von Barack Obama anschaue, so drängt sich mir die Erkenntnis auf, dieser Präsident ist die logische Fortsetzung von:

Sein Wahlkampf und seine Strategie begründen sich in einem tiefen Verständnis der sozio-kulturellen Umbrüche, die derzeit auf den Grundfesten einer medialen Revolution aufbauen. Und man hat den Eindruck, es ist nicht gespielt, so wie in hiesigen Gefilden so genannte Multiplikatoren recht unverdaut die Web 2.0-Entwicklung versuchen nachzuzeichnen. Was hier geschehen ist, ist eben keine Instrumentalisierung im 1.0-Sinne, sondern ein bescheidenes Einfügen in bereits vorhandene soziale Netzwerke. Bei meiner gestrigen Recherche fiel mir auf, dass mir die Hälfte der von ihm bespielten Netzwerke völlig unbekannt waren: So finden sich hier (sämtliche ?) US-ethnisch begründeten sozialen Netzwerke wieder, die teilweise mit hiesigen IP-Adressen gar nicht angesteuert werden können.

Soziale Netzwerke bei Barack Obama
Und er konzentriert sich eben nicht nur auf die großen Netzwerke. In Facebook hat er 2,5 Mio. Unterstützer/innen, im MyBatanga-Netzwerk der Hispanics knapp über 200. In Twitter folgen ihm ca. 120.000 Menschen, aber er followt diesen auch zurück. Es ist also –zumindest auf der symbolischen Ebene– kein Monolog mit Broadcasting-Effekt angelegt, sondern ein Dialog. Sehr interessante Entwicklung – wobei mich interessieren würde, ob dort wirklich ein Kommunikationsteam sitzt, das diesen wahnsinnigen Information Overload inhaltlich scannt.

Indem er sich also in diese bestehenden Netzwerke einfügt, kann er darauf aufbauend sein eigenes soziales Unterstützer/innen-Netzwerk mit modernsten Mitteln aufsetzen. Selbstverständlich integriert er einen Blog, ein eigenes Social Netzwerk (übrigens mit einer sensationellen User Experience), Live-Streaming per Ustream-TV-Channel (mit Archivierung) in seine mediale Performance. Das ist wirklich die hohe Kunst der medialen Kampagnen-Begleitung.

Aber allen, die sich jetzt anläßlich des Bundestagswahlkampfes Gedanken machen, wie sie diesen Erfolg schön kopieren könnten: Genau das funktioniert eben nicht – man muss soziales Netzwerken leben! Andernfalls ist diese Handhabe doch wieder nur eine aufgesetzte Instrumentalisierung der ganz neuen Medien. Wenn Barack Obama sagt, er sehe sich als Vertreter von “You”, dann entspricht dies dem demokratischen Kerngedanken – wir aber sehen alltäglich, wie Politik sich nur der Bevölkerung bedient, um weiterhin ihren Vorstellungen zu folgen.

Als Politiker/in 2.0 bedarf es erst der Bereitstellung geeigneter Infrastrukturen, um der Bevölkerung Gehör zu verschaffen – so wie Schülergruppen aus den USA berichten, sie konnten ihre Obama-Kampagne ganz nach ihren Vorstellungen durchführen – sie wurden nicht instruktiv geführt. Das ist wirkliche (Basis-)Demokratie – und das ist das Kernelement des Web 2.0.

Insofern Hut ab vor diesem Präsidenten, der die Zeichen der Zeit erkannt und konsequent umgesetzt hat. Wir können alle nur davon lernen …

Nachtrag

Professionell vorbereitet, findet sich prompt nach der Wahl unter change.gov das nächste kleine Social Network von Herrn Obama und Herrn Biden. Ihre Zielvorstellungen werden für alle möglichen Themenfelder klar benannt – und angeteasert in folgender Reihenfolge:

  1. Revitalizing the Economy
  2. Ending the War in Iraq
  3. Providing Health Care for All
  4. Protecting America
  5. Renewing American Global Leadership

Alle Besucher/innen können selbst ihre Geschichte der Wahlnacht erzählen und dort kolelktiv sammeln – oder sich für einen potenziellen Job im Rahmen der neuen Administration bewerben usw. usf.

Es macht den Eindruck, als wolle man wenigstens versuchen, möglichst transparent im Dialog den Change-Prozess anzugehen – als kollaborative Aufgabe und weniger als staatliche Basta-Politik. Alle Achtung!

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Eine Antwort to “President 2.0”

  1. Eben. Genau das sagen ich seit Wochen: Dass die Obama-Kampagne eben NICHT funktioniert, weil sie einfach das Netz nutzt, sondern weil sie es so selbstverständlich als das Leitmedium nutzt, das es inzwischen ist und die dort vorhandenen Strukturen aufgreift. Danke für den großartigen Beitrag. Zum Thema zum weiterlesen kann ich außerdem diese Publikation von ProDialog empfehlen: http://prodialog.org/content/publikationen/buecher/obama

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