Plädoyer für die Fragestellung
Lernen Menschen durch Vorträge, Bücher oder Projekte, wie Helge meint? Oder nicht vielmehr durch ihre Fragen, die angestoßen wurden durch bspw. ein Problem, einen Hinweis, einen Diskurs und deren Beantwortungsversuch den Menschen konstruktiv bildet – idealerweise begleitet durch ein mehrstufiges Reviewverfahren mit anderen Personen (sei es angestoßen oder vermittelt über Blogs, Twitter, Bücher, Vorträge etc.)? Geht es nicht eigentlich um den individuellen Lernprozess, der durch Medien unterstützt und forciert wird?
Wie kommt es, die Diskussion kontinuierlich aus Sicht des Mediums – sei es nun der Lehrende, der Vortrag, die Bücher, die Programme etc. – zu führen und nicht aus Sicht des Lernenden? Liegt es an der Befangenheit der argumentierenden Personen, die ihren Lebensunterhalt teilweise aus der Aufrechterhaltung dieser Sichtweise generieren? Oder warum gelingt es uns nicht, diese Mainstream-Sichtweise umzukehren?
Rekapitulieren wir den Lernprozess aus Sicht eines Lernenden: Wie stellt sich die Welt dieser Person entgegen? JedeR von uns ist seit altersher von einer persönlichen Lernumgebung umrahmt. Die Familie, die Medien, die Schule, die Freundschaften, die Freizeitaktivitäten etc. – all diese Komponenten fliessen als Sozialisationsinstanz (und was ist Lernen anderes als Sozialisation?) in den Menschen ein. Wenn wir auf diese Instanzen blicken, so fällt schnell in den Blick, dass zwischenzeitlich die Medien fast alle anderen Instanzen vermitteln. Freundschaften, Freizeit oder schulische Aktivitäten können mit globaler Ausdehnung gelebt werden. So weit, so banal.
Ob ich mir nun einen Expertenvortrag im Netz oder hier vor Ort in Präsenz anschaue, kommt letztlich auf das Gleiche raus – mit dem Unterschied, dass ich a) eine größere Themenauswahl hier vor dem Rechner sitzend vorfinde und b) ich mächtig Zeit spare bei der An- und Abreise. Die Frage der Diskussion stellt sich im heutigen Zeitalter auch nicht mehr – theoretisch ist diese auch per Remote möglich. Welche Frage sich allerdings angesichts der Masse an Möglichkeiten stellt, ist die der Auswahl: Welchen Vortrag höre ich mir an? Und vor allem: Warum eigentlich?
Wenn ich selbstbestimmt entscheiden darf, dann ist Motor meiner Entscheidungsfindung meine Fragestellung – und nicht der Vortrag an-und-für-sich. Es kommt also auf die Kunst der Fragestellung an – vielleicht finde ich in dem vorgetragenen Material gelungene Ansätze für eventuelle Antworten – oder es werfen sich neue Fragen auf – oder ich schalte den Vortrag aus. Die Antwort selbst, die mir der Vortragende bietet, ist dabei relativ nachrangig für mich – wichtig ist der Bezug zu meiner Fragestellung und die Möglichkeit, die Informationen einzubinden in meine Überlegungen. Eine abschließende Antwort des Mediums langweilt mich – und ist aufgrund ihres Verfalldatums auch ziemlich uninteressant. Viel spannender ist die Entwicklung neuer Fragen (und hier sehe ich ein großes Potenzial von Twitter, da ich mit Menschen konfrontiert bin, deren Gezwitschere in mir immer wieder neue Fragen generieren – nur als kurze Randbemerkung zum aktuellen Blog-Diskurs hier, hier, hier und hier).
Je länger ich hier so vor mich hin monologisiere, desto stärker drängt sich mir die Erkenntnis auf, dass die konkrete Wissensvermittlung vielleicht deshalb einen solch schalen Beigeschmack für mich trägt, weil sie Antworten zu liefern vorgeben – aber es darauf gar nicht ankommt. Die Fragestellungen sind das Entscheidende – die Kunst der Fragestellung ist für unsere sozio-kulturelle Weiterentwicklung wesentlich wichtiger als jedwede temporäre “Lösung”. Zumal sich eh die Frage stellt, warum kollektiv errungenes Wissen von einigen Personen pekuniär ausgeschlachtet werden kann – und andere für diese Vermittlung zahlen sollen. Wo beginnt das individuelle Urheberrecht? Beim Zusammentragen kollektiv erarbeiteter Fundstücke oder bei der originellen Idee, die auf dem Fundus dieser Fundstücke aufsetzt?
Ich möchte nicht mißverstanden werden: Selbstverständlich ist eine Vergütung der Wissensarbeiter/innen für spezielle Leistungen legitim. Nur, warum muss ich als Lernende für den kollektiven Wissensstand zahlen, der mittels eines komplexen Austausches von Ideen, Überlegungen, Fragen und gesellschaftlich finanzierter Forschungen entstanden ist? Müssen wir nicht nach neuen Finanzierungsmodellen suchen – inklusive einer Restrukturierung der zugrundeliegenden Systeme? Nicht, dass ich eine Antwort auch nur ansatzweise entwickelt hätte auf diese Frage – aber die Fragestellung ist doch nicht deshalb falsch, weil wir bislang keine Antworten haben …
Insofern muss die Frage, ob Moodle, Ning, Wiki, Blog oder Facebook genutzt wird, als eine Systemfrage gestellt werden. Wer möchte die Kontrolle über die Wissensgestaltung erlangen? Der Kursgestalter im LMS, der Community-Gestalter in thematischen Community of Practice-Arrangements oder der Sytemanbieter? Aus Sicht der Lernenden ist lediglich der Zugriff entscheidend – und der sollte persönlich gestaltbar sein.
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Tags: bildung | politik
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Ich glaube, niemand der mit erwachsenen Lernenden arbeitet, kann sich heutzutage noch auf die Wissensvermittlung beschränken. Dieses kollektiv zustande gekommene Wissen kauft sich der Lernende lieber als Buch zu einem Bruchteil des Geldes. Also gibt es für Lehrende zwei Aufgaben in der Bildungsindustrie:
1. Das Gestalten von Lernumgebungen, in denen sich die Lernenden nach eigenem Gutdünken bewegen können – und auf denen trotzdem sichergestellt ist, dass zielorientiertes Arbeiten geschieht. Diese Lernplattformen können online oder Präsenzgeschichten oder blended sein – das ist egal und hängt von den Zielen und den Lernenden ab. Dem Wissensarbeiter als Lehrenden bleibt die Gestaltung der Plattform, ihre Strukturierung und die Moderation. Und – als wichtigstes: Sicherzustellen, dass die Leute dort ankommen, wo sie hinwollten. Wenn ich diese Aufgabe erfülle, kann ich Geld dafür verlangen.
2. Lehrende haben hoffentlich das kollektiv zustande gekommene Wissen einigermassen intus und gleichzeitig gefiltert. Diese Zusatzleistung lässt sich ebenfalls bezahlen: Also was aus diesen Büchern funktioniert wirklich, was sind die Schlüsselstellen des Wissens. Was ist für die Realität des Lernenden relevant?
Vielleicht müssen wir nicht nach neuen Finanzierungsmodellen suchen. Vielleicht muss man die Art, wie Bildungsdienstleister ihre Wertschöpfung erbringen, konsequent hinterfragen.
Anja, ich finde man muss hier nicht zu einem “entweder-oder” greifen. Wie wäre es mit einem “und”? Ich sag ja nicht das Mensch so lernen, ich hab gesagt, dass ICH so bevorzuge zu lernen. Genrell kann man ja nicht nicht-lernen. Alles was ich tue hinterlässt seine Spuren in meinem Hirn. Ich bin nach diesem Kommentar nicht mehr exakt der gleiche der ich davor war.
Der Punkt der mir zu Denken gibt, ist wie twitter jetzt schon wieder als neue “Sau durchs Dorf getrieben” wird, um damit formelle Bildungsprozesse anzugehen. Ich glaube es gibt DEUTLICH effizientere Wege etwas auf formellem Wege zu lernen. Wenn Du jedoch eine erweiterte periphere Wahrnehmung mit Lernen gleichsetzt, dann lässt sich twitter natürlich problemlos da einordnen.
Dann kommt aber von mir die Gegenfrage: “Was ist nicht zum Lernen geeignet!” – “History repeating” rufe ich da, die gleiche Story hatten wir schon mit den ominösen und längst begrabenen “Lernobjekten”. Es gibt eben nichts, was nicht doch irgendwie zum Lernen geeignet wäre.
So gesehen ist die Behauptung mit twitter könne man lernen eine triviale Behauptung, mehr nicht!
@thomas: mit der gestaltung von lernumgebungen tue ich mich bekanntlich etwas schwer. es existiert ja bereits eine riesige: das große globale netz. lehrende oder bildungsdienstleister sehe ich als wegweiser, als kuratoren, conciergen oder lernbegleitende, die einen möglichen weg durch das gewirr des netzurwaldes weisen und nebenbei bzw. zuvorderst aufzeigen, wie man selbstständig sich durchhangeln könnte: also dem lernen-zu-lernen einen größeren stellenwert einzugestehen als dem eigentlichen wissenstransfer. welche konkreten tools sie zu diesem zweck verwenden, ist m.e. völlig nachrangig und abhängig vom zeitgeist oder vom eigenen geschmack.
@helge: gebe dir insofern recht, als jedwede diskussion bzgl. des konkreten tool-einsatzes trivial ist. mich irritieren vielmehr alle diskussionen, ob eine bestimmte technologie uns weiterhelfen könnte – kann sie natürlich nicht. es kommt auf die sozio-kulturelle einbindung an, weniger auf das konkrete tool. ich denke, wir müssen uns damit abfinden, keine mathematische gleichung aufstellen zu können, welche standardisierbare formel sich für das lernen für morgen am besten eignet. wir haben es mit einem multidimensionalen gefüge zu tun, in dem bücher, vorträge ihren platz haben und technologien zur akquirierung und diskussion von themen genutzt werden können. die ganze diskussion rund um twitter ist wirklich absurd, aber nicht der grippewelle geschuldet, sondern bereits vor fast 1 jahr diskutiert worden (z.b. hier: http://injenuity.com/archives/172 )