Konnektivismus & OLPC
Im Rahmen des IMI-Masterstudiengang-Kurses Didactics of Media 2008/09 an der FHTW Berlin folgten wir zeitversetzt dem Kurs Connectivism and Connective Learning von George Siemens und Stephen Downes.
Während die Studierenden ihre wöchentlichen Reflektionen im jeweiligen Blog sammelten, gingen wir gleichzeitig dazu über, die Kernaussagen der wöchentlichen Kurslektüre im Mediawiki der FHTW zu protokollieren. Diese Stichwortsammlung möchten wir ab heute der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, um einen verkürzten Durchlauf durch die vielfältigen Materialien zu ermöglichen.
Ein weiteres Semesterziel war es, einen deutschsprachigen Wikipedia-Artikel zum Konnektivismus zu schreiben. Dieser beruht v.a. auf einer freien Übersetzung des englischsprachigen Beitrages – abzüglich einiger irrelevanter Teile und zuzüglich einiger Erkenntnisse aus unseren Diskussionen. Wir möchten nachhaltig alle interessierten Personen auffordern, diesen Beitrag weiter zu bearbeiten und fort zu entwickeln.
Drittes Ergebnis unseres Kurses war ein technologischer Check der möglichen Kollaborationsformen der XO-Laptops im Rahmen der OLPC-Initiative. Selbstverständlich stehen auch diese Ergebnisse auf der OLPC-Seite des FHTW-Mediawikis zur Kenntnisnahme und Weiterverarbeitung unter einer CC-Lizenz zur Verfügung. Wir listen u.a. auf, welche Programme sich offline miteinander verständigen können und führen auf, welche Schulen bislang öffentlich verwertbare Ergebnisse produzierten. Diese Sammlung werden wir in die Mailingliste von OLPC Deutschland hineinreichen.
Zudem trieb uns die Frage um, inwiefern die OLPC-Initiative als angewandte, medienpolitische Form des Konnektivismus betrachtet werden kann. Zu diesem Themenkomplex möchte ich ein kurzes, persönliches Statement posten:
Inwiefern der OLPC als Applied Connectivism betrachtet werden kann, ist eine spannende Frage: Vom lerntheoretischen Ansatz her fügt sich der OLPC eher in die konstruktivistische Logik ein. Problem- und erfahrungsbasiertes Lernen innerhalb des Klassenraumes (mit Ausblick in die große weite Internet-Welt) steht im Vordergrund – mitsamt aller Problematiken, traditionelle Lehrmodelle technologisch zu unterlaufen und den naturgemäß offeneren Zugang seitens junger Schüler/innen zu honorieren.
Die Maxime eines maximal kollaborativen Ansatzes, in dem sich alle XO-Laptops über größere Distanzen hinweg miteinander verbinden können, um gemeinsam in Programmen arbeiten oder spielen zu können, glückt technologisch nur in Ansätzen. Den Informatik-Studierenden der FHTW gelang es trotz mehrerer Anläufe nur in einzelnen Fällen, Programme wirklich miteinander kommunizieren zu lassen. Sicherlich ein gut gemeinter Anfang, aber unter den gegebenen Umständen (Microsoft-Übernahme, mangelnde Unterstützung für Open Source etc.) sollte die Linse geöffnet und die kollaborativen Möglichkeiten des World Wide Web in den Blick genommen werden.
Überhaupt ist es bei aller Internationalität und globalem Enrollment erstaunlich, wie wenig Output zu konkreten Einsatzszenarien und möglichen Erfolgsstories zu finden ist. Ich möchte behaupten, wirklich jede Wiki-Seite sowohl der internationalen als auch der deutschen OLPC-Bewegung durchforstet zu haben auf der Suche nach einer Systematik oder Anleitung für XO-Beginners. Zwar dokumentieren viele Schulen ihre Aktivitäten in mehr-oder-weniger interessanter Aufbereitung bzw. sie broadcasten ihre kleinen Erfolge im Stile klassischer Berichtskultur – eine diskursive Auseinandersetzung, gar länderübergreifend, mag eventuell auf Konferenzen von statten gehen, dann aber mit allen Einschränkungen einer bürokratisierten Auseinandersetzung und nicht als lebensbegleitende Grassroots-Initiative.
Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen, was der OLPC mit Konnektivismus gemein habe, so können wir mit Blick auf die Prinzipien des Konnektivismus festhalten:
- Lernen und Wissen beruht auf der Vielfältigkeit der Meinungen: Ja, der OLPC ermöglicht den Zugriff auf sehr viele Meinungen und gewährt gleichzeitig aufgrund seiner ursprünglich offenen Struktur das Potenzial, beliebige Anwendungen oder Erweiterungen selbst zu entwickeln und in die OLPC-Bewegung einfliessen zu lassen. Insofern lebt der OLPC die Vielfältigkeit.
- Lernen als Prozess, spezialisierte Netzwerkknoten oder Informationsquellen miteinander zu verbinden: Inwiefern Schulkinder diese Kompetenz sich in ihren konstruktivistisch arbeitenden Schulklassen erarbeiten, ist der Kompetenz der Lehrenden geschuldet. Allerdings unterstützt die unsystematische Aufbereitung möglicher offener Informationsquellen oder alternativer Knotenzugänge nicht den einfachen Zugang der Lehrenden zu einem Angebot, durch das sie ihre Lernenden konstruktivistisch führen könnten. Hier besteht noch großer Nachholbedarf, eine Art globaler “Edupedia” aufzubauen.
- Die Verbindungen sind wichtiger als deren Inhalt: Sollte es glücken, Schüler/innen einen nachhaltigen Zugang zueinander und zum Internet zu gewähren, der sich auch außerhalb der schulischen Grenzen aufrechterhalten liesse, so ist der konkrete Unterricht tatsächlich nachrangig zu betrachten.Eigentlich ist der OLPC aber als Lehrmittel, als alternativer Zugang zum Inhalt gedacht – allerdings mit der integrierten Möglichkeit, Verbindungen zu anderen zu suchen und funktional darauf einzugehen.
- Wissen kann in nicht menschlichen Hilfsmitteln verbleiben: Nun, das ist das Wikipedia-Prinzip, aber leider nicht das Text-Sharing-Prinzip des OLPC. Insofern weiterhin die Forderung, nicht so sehr auf kollaborative Werkzeuge im engen Raum zu setzen, sondern sich in die große weite Netz-Welt hinauszubegeben und diese Möglichkeiten auszubauen.
- Die Kompetenz mehr wissen zu wollen ist wichtiger als das aktuelle Wissen: Dieser Forderung, das Lernen zu lernen, kommen konstruktivistische Lernmethoden sehr entgegen. Insofern habe ich Hoffnung. Gleichzeitig sollten Lehrende die vielfältigen Social-Komponenten des Web 2.0 nutzen, um Neugierde zu wecken, mit welchen Themen sich mental Gleichgesinnte beschäftigen und so einen magischen Auch-Lernen-wollen-Impuls zu initiieren. Die Intelligenz der Daten ist OLPC-intern nicht ausgebildet – insofern nicht state-of-the-art.
- Um kontinuierliches Lernen zu ermöglichen, ist es notwendig, Verbindungen zu pflegen und zu erhalten: Auch hier sehe ich wieder die Notwendigkeit, aus den Klassenräumen hinauszugehen und die Schüler/innen mit der Welt außerhalb ihres persönlichen Wirkungskreises zu verbinden. Dies kann nur über die Netzleitungen der Telekommunikations- oder Satellitenbetreiber erfolgen – also ist Grundvoraussetzung, die Anbindungen zu gewährleisten und dann inhaltliche Verbindungen zu anderen Schulen, zu anderen Lernenden zu schaffen.
- Die Fähigkeit, Verbindungen zwischen Themenfeldern, Ideen und Konzepten zu sehen, ist eine Kernkompetenz: Diese Kompetenz kann sicherlich auch in konstruktivistischen Zusammenhängen gelernt werden. Um im globalen Raum agieren und Gemeinsamkeiten entdecken zu können, muss natürlich der Gang nach außen gewagt werden – als Prinzip, nicht als Exkurs!
- Aktuelles und akkurates Wissen ist die Intention aller konnektivistischen Lernaktivitäten: Es geht darum, sich immer auf dem aktuellen Stand der Diskussion zu bewegen – eine Fähigkeit, die jedeR immer mitbringen sollte, die aber den meisten aufgrund ihrer schlechten Lernerfahrungen abhanden gekommen ist. Mit problembasiertem Lernen schafft man es vielleicht, diese Intention in den Lernenden zu forcieren und nachhaltig zu verankern. Aber auch sie setzt eine Verbindung zum weltweiten, dynamischen Wissensstand voraus.
- Entscheidungsfindung als solches ist ein Lernprozess: Auch in dieser Kompetenz können Schüler/innen konstruktivistisch begleitet werden – die Frage ist, ob die Lehrenden dazu bereit und fähig sind …
Fazit
Viel Kleingärnterarbeit ist bereits erfolgt im OLPC-Universum, aber noch wenig vernetzte Anbindung der Schulen untereinander. Nicht als kolonialistische Gutmenschen-Arbeit, sondern als tatsächliche Macht der sozial Schwachen. Hier besteht noch viel Forschungs- und v.a. konkrete Aktivistenarbeit.
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Tags: kurs | learning20 | olpc
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