Die Ware E-Learning
Graham Attwell sinniert über die Re-Verstaatlichung der Bildung angesichts der Finanzierungsprobleme, in die das profitorientierte UK-Bildungssystem durch die Finanzkrise rutschte. Angehangen hat er einen deutschsprachigen Artikel aus dem Jahre 2005, den er in dem Buch Wissensgesellschaft. Mythos, Ideologie oder Realität veröffentlichte. Dieser Text ist wirklich lesenswert und liefert aus meiner Sicht einen vorweg genommenen Beitrag zu der im Wissenswert-März-Carnival diskursiv geführten Debatte rund um CBTs und WBTs.
Ich zitiere hier die m.E. wichtigsten Passagen bzw. Stichwörtern:
- Wenn Lernen ein sozialer Prozess ist, dann muss jede Überlegung über die Entwicklung und die Auswirkungen des E-Learning und seiner Technologien auch die sozialen, ökonomischen und kulturellen Prozesse und Diskurse mit einbeziehen, welche an der Entwicklung und Implementierung der neuen Technologien im Bildungsprozess beteiligt sind.
- zunehmende Warenförmigkeit -> Verdrängung von Gebrauchswerten durch Tauschwerte
- Ersetzung des Gebrauchswertes akademischer Arbeit durch deren Tauschwert -> Neupositionierung der Lernenden und Studenten als Kunden oder Konsumenten von Bildung
- limitierte Betrachtungsweise lebenslangen Lernens wurde von drei politischen Leitideen begleitet:
- Lernen am Bedarf des Arbeitsmarktes
- Verantwortung der Lernenden
- Training “on demand”
- Beobachtung, dass die Implementierung des E-Learning tendenziell in den Ländern am weitesten fortgeschritten ist, die dem angelsächsischen Modell folgen, wo auch die Entwicklung in Richtung Privatisierung und Kommerzialisierung von Bildung am ausgeprägtesten und am meisten akzeptiert ist
- Wichtig ist hier jedoch, dass es möglich war, das E-Learning so darzustellen, als stünde es außerhalb des „normalen“ Bildungssystems.
- Die meisten Bildungstheoretiker stehen diesen tiefgreifenden Veränderungen des Bildungssystems sehr kritisch gegenüber und neigen dazu, E-Learning als einen Hauptgrund für diese Veränderungen anzusehen. Im günstigsten Fall merken sie an, dass diese Lerntechnologie dazu instrumentalisiert wird, die Leitidee von Bildung als öffentlichem Gut zu erodieren.
- Managerialism verweist auf die veränderte Rolle des Bildungssystems und der in ihm Tätigen: Lernen ist nicht als die Aneignung von Wissen zu verstehen, sondern der Bildungsprozess ist zu managen.
- Anstatt sich auf Technologien für das Lernen (selbst) zu konzentrieren, wurde vorwiegend in die Entwicklung so genannter Learning Management Systems (LMS) investiert, die für die Registrierung von Studenten, für die Auslieferung von Lernmaterialien, für Prüfungen und Berichterstattung ausgelegt waren.
- Die Warenförmigkeit verlangt die Entwicklung standardisierter Massenprodukte; im Bereich des E-Learning erscheinen diese in Form der learning objects, (…) treibende Kraft hinter dem SCORM-Standard für learning objects das US-Verteidigungsministerium war.
- Lernen wird nicht länger als Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt und vermittelt durch soziale Prozesse betrachtet, sondern als Interaktion mit den der Reihe nach verabreichten learning objects, bestenfalls unter Mithilfe eines Online-Mentors und durch Beteiligung an einem geschlossenen (Internet-)Forum.
- Sogar die Ausarbeitung individueller Lern-Portfolios wird zunehmend durch Versuche behindert, das Lernen zu kontrollieren und zur Ware zu formen.
- Warenförmigkeit und Standardisierung, ganz gleich mit welcher pädagogisch-didaktischen Terminologie sie bemäntelt werden, stehen im scharfen Kontrast zum Lernen in einem sozialen Umfeld.
- Die durchgeführten Fallstudien legen den Schluss nahe, dass dort, wo ICT-Gebrauch für informelles Lernen üblich ist, die Angestellten dazu neigen, eigene, individuelle Berufsbilder auszubilden, und zwar auf der Grundlage sowohl der Bedürfnisse des Unternehmens als auch ihrer persönlichen Begabungen und Interessen. Darüber hinaus entwickeln sich Berufsbilder heute dynamischer, als es früher möglich war: Anstatt die Berufsbilder zentral festzulegen und so den Lehrplan für den jeweiligen Beruf zu bestimmen, ist zunehmend der Lernprozess selbst die treibende Kraft bei der Entwicklung neuer Berufsbilder.
- Begriff der „wandernden“, dynamischen Berufsprofile: „Die Absolventen dieser neuen Ausbildungsgänge sollten, unter Rückgriff auf ihre Gestaltungskompetenz, ihren beruflichen Werdegang selbst aktiv gestalten können (biographische Kompetenz) und gleichzeitig in der Lage sein, sich auf neue Bedürfnisse des Arbeitsmarktes einzustellen.” (Attwell und Heidegger 2001)
- Die neueren Fallstudien deuten dagegen an, dass der Gebrauch eben dieser Technologien beim Lernen ihnen im Gegenteil die Gelegenheit gibt, sich ihr eigenes individuelles Berufsprofil zu gestalten.
- Die Unterscheidungen zwischen formalem und nicht formellem Lernen scheinen eher durch das Bedürfnis nach öffentlicher Finanzierung (in Großbritannien wird informelles Lernen bspw. nicht gefördert) motiviert als durch die Sache selbst.
- Wege finden, das erfolgte Lernen irgendwie zu messen, mit anderen Worten: zu formalisieren. Bei dem politischen Vorstoß dazu auf europäischer Ebene geht es nicht, wie man glauben machen will, um die Anerkennung informeller Lerntätigkeit, sondern um eine Kontrolle dieses Lernens mittels eines Akkreditierungssystems. Anders ausgedrückt: Es soll ein Tauschwert geschaffen werden für eine Lerntätigkeit, die bisher nur einen Gebrauchswert hat.
- Ein besserer Ansatz wäre es, den Gebrauchswert des informellen Lernens zu betonen, indem die Lerntätigkeit in frei zu gestaltenden (E)-Portfolios dokumentiert wird. Dieser Ansatz wäre ein wichtiger Schritt hin zur Anerkennung selbstbestimmten Lernens, in dem jedes Lernen wichtig genommen wird,statt der ausschließlichen Anerkennung solchen Lernens, daß sich zu formalen Qualifikationen in Bezug setzen läßt.
- im Walisischen mindestens sechs verschiedene Begriffe, die Wissenserwerb und sechs weitere, die Wissensformen bezeichnen, jeder mit seiner eigenen spezifischen Bedeutung.
- Eine erste Hypothese könnte lauten, dass der Großteil formaler Lernaktivitäten unter Cynyddu fällt, bestehendes Wissen wird vermehrt, und man baut dann darauf weiter auf. Dagegen wäre informelles Lernen meist Cymrodedd, das Gelernte wird genutzt, um mit dem Unbekannten kompetent umgehen zu können. Vielleicht ist das der Grund, warum informelles Lernen mittels IT oft so wirkungsvoll ist.
- Eine der wirkungsvollsten Möglichkeiten, die IT für das Lernen in KMU bietet, ist die Verbindung zu räumlich verteilten Praxisgemeinschaften.
- Lernende suchen statt dessen nach Communities, die auf einem höheren Niveau als sie (die Lernenden) selbst diskutieren, das aber noch anschlussfähig an die eigenen Vorkenntnisse und die eigene Praxis ist.
- Man kann aus den Ergebnissen nur ersehen, dass eine Teilnahme an Fort- und Weiterbildung wichtig für die Entwicklung von Fähigkeiten und Kenntnissen ist, dass jedoch die spezifischen Lernfelder oder der unterschiedliche Berufsbezug von weit geringerer Bedeutung sind.
- Formales E-Learning ist weitgehend losgelöst von praktischen Kontexten, auf Lernfächer bezogen und von Lehrern und Trainern vorstrukturiert. Insgesamt gehorcht es eher den Erfordernissen des Bildungssystems als denen des Arbeitsprozesses.
- Übrigens haben auch die so genannten ‚intelligenten Anwendungen’ nur wenig Aussicht, sich durchzusetzen, da sie den Lernstoff vorstrukturieren um ihn so an individuelle Bedürfnisse anzupassen. Gerade damit verbleiben sie innerhalb des Paradigmas der schon bestehenden Ansätze, die nicht funktionieren und nie funktionieren werden.
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