Alles nur Theater

Sinniere seit einigen Tagen, ob ich nicht Augusto Boals Forumtheater-Methode mit meinen Studierenden erproben sollte. Dabei handelt es sich um die zentrale Methode des Theaters der Unterdrückten, die Boal im Zuge seiner brasilianischen Theaterverbannung in den 1970er Jahren entwickelte.

Grundsätzlich geht es darum, dass die Zuschauer/innen ihre (zumeist großmäulige) passive Kritik übersetzen in Aktivität und auf der Bühne selbst demonstrieren, wie sie es besser machen würden. Dabei werden die zu spielenden Themen nicht vorgegeben, sondern zunächst gemeinsam erarbeitet. Der Wikipedia-Beitrag bringt es recht gut auf den Punkt.

Mit dem Forumtheater kann jede Problemstellung der Teilnehmenden
  •     von diesen ausgesprochen und ins Bild gebracht,
  •     von ihnen selbst durch das Spiel der anderen distanziert,
  •     durch das identifizierende Handeln des Publikums verändert werden.

Mit dieser aktivierenden Form erhofft sich Boal, im Zuschauer den Wunsch zu wecken, in der Wirklichkeit das zu wiederholen, was bereits im Theater erprobt wurde.

In diesem Sinne Lehre zu verstehen, wäre vielleicht ein interessanter Gedanke. Entsprechend kann auch das 1979 von Boal formulierte Vorwort zur deutschsprachigen Fassung seines Übungsbuches gelesen werden, das verblüffend interessant und unglaublich aktuell ist, was die Diskussionen rund um Learning 2.0 anbelangt:

Ich hasse den Künster als “höheres Wesen” und suche in jedem Menschen den Künstler zu finden.
Ich verachte autoritäres Theater und mache Theater der Unterdrückten. Theater nicht als Evangelium, nicht als Propaganda, nicht als etwas Unumstößliches. Auch didaktisches Theater ist autoritär, denn es geht davon aus, daß der Künstler mehr weiß und kann, als der Zuschauer wissen kann und darf. Es schreibt Verhaltensnormen vor, einen ganzen Handlungsablauf – ohne den Zuschauer zu fragen.
Das didaktische Theater geht von der gleichen Subjekt-Objekt-Konstellation aus: Lehrer-Schüler, Bühne-Publikum. Sender-Emfänger, aktiv-passiv, lebendig-tot. (…)
Alle sollen gemeinsam lernen, Zuschauer und Schauspieler, keiner ist mehr als der andere, keiner weiß es besser als der andere: gemeinsam lernen, entdecken, erfinden, entscheiden.

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Hier das Buch mit vielen weiteren Theaterübungen:


[tags]theater, lehre, methode[/tags]

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