Nochmals: Sofatutor goes online

Stern.de fragte an, was ich von Sofatutor halte, die am Wochenende ihre Probezeit beendet haben und nunmehr öffentlich zugänglich sind. Ich habe mich mit dem gegenwärtigen Stand der Videoplattform auseinander gesetzt – wohl wissend, die Truppe arbeitet mit Hochdruck an weiteren Ausbaustufen und ergänzenden Features. Hier meine derzeitige Einschätzung zur Lage des sympathischen Start-Ups.

Sofatutor macht einen offenen, freundlichen Eindruck. Das helle Grün der Marke reiht sich ein in die grüngefärbten Corporate Designs bestehender Hochschulen (HTW Berlin, FU Berlin o.ä.). Insgesamt ist das Design an die gängige Web 2.0-Ästhetik (runde Ecken, klar abgegrenzte Bereiche, Funktionalität vor Spielerei) angelehnt.

Gleichwohl fühle ich mich sofort auf die Schulbank zurückgesetzt, wenn ich durch die Videoplattform surfe. Das liegt nicht an Sofatutor – sie fangen lediglich arme Schüler/innen auf, die im Drill & Practice-Verfahren sich kurz vor Prüfungsabnahme einige mathematische Gesetze (z.B.) einpauken müssen. Man ist nur froh, nicht selbst in der Mühle zu stecken. Denn auch wenn vielleicht ein Hochbauingenieur gewisse mathematische Gesetzmäßigkeiten hochqualifiziert beherrschen sollte, ist doch zumindest fraglich, ob wirklich alle Schüler/innen diesen Hürdenlauf vollziehen müssen. Insofern stehe ich solchen edukativen Hilfsangeboten etwas ratlos gegenüber, da sie verzweifelt versuchen, Lücken in einem Bildungssystem zu schliessen, die m.E. einer grundsätzlichen Infragestellung à la Die Bildung hacken bedürfen. Dies alles soll nicht Sofatutor angelastet werden, erklärt aber meine etwas weniger euphorische Akzeptanz solcher Onlineangebote.

Wenn wir uns aber in die betriebswirtschaftliche Logik eindenken, so ist der Nachhilfesektor ein zunehmend wachsender Markt – leider. Nicht, weil ich diese Einkommensquelle niemandem gönnen würde, aber dieser Markt stellt eine Reaktion auf eine Entwicklung im Bildungssektor dar, der sich aus Leistungsdruck & wachsender Überforderung generiert. Kinder und Heranwachsende werden in dieser Sichtweise auf ihre volkswirtschaftliche Größe reduziert: Nicht ihr Menschsein bzw. ihre Menschwerdung steht im Mittelpunkt der Bildungsbemühungen, sondern ihr Einfügen in ein Verwertbarkeitsschema, das sich in Notenselektion und restriktiven Bildungszugängen ausdrückt.

Aber was tun, wenn man in diesem System steckt und seine Bildungschancen so weit wie möglich öffnen will? Kann Sofatutor hier helfen?

Zur Usability

Werfen wir einen Blick auf die Seite:

Vom Seitenaufbau her will mir eine primäre Navigation entlang bekannter Schulfächer sinnvoll erscheinen. Zumindest in diesem Stadium der recht übersichtlichen Themenauswahl leistet dieser Überblick eine schnelle Orientierung, in welchen Fächern bereits mehrere Videos vorliegen – zumindest theoretisch. Klickt man sich durch diese Fächer, stellt sich die Frage der Auswahl. Inwiefern z.B. die 199 Videos der Wahrscheinlichkeitsrechnung für suchende Personen wirklich gebrauchstauglich sind, bliebe einer eingehenden Usability-Studie überlassen. Ich kann nicht abschätzen, inwiefern die von Schüler/innen gesuchten Stichwörter mit den Überschriften oder Beschreibungstexten übereinstimmen, so dass sie wirklich Hilfe zu den Themen finden, die sie aktuell benötigen. Auf den zweiten Blick ist mir die wesentlich komfortablere Suche über alle Bereichsvideos (z.B. Mathematik) bzw. alle zu Kursen zusammengeschnürten Videopakete aufgefallen. Hier ahnt man, wohin die Sofatutor-Reise gehen soll und das könnte innerhalb des bestehenden Bildungssystems sehr zielführend sein. Je nach Klassenstufen sind die Inhalte angeführt, die Gegenstand der Prüfungen sein könnten. Das macht auf mich einen sehr geordneten Eindruck und wäre sicher mein präferierter Suchpfad, wenn ich tatsächlich mir solches Wissen aneignen müsste.

Hat man nun ein Video oder gar einen adäquaten Videokurs gefunden, kommt das eigentliche Schmuckstück von Sofatutor zur Geltung. Die Videofunktionalität ist sehr schick und sehr intuitiv ausgefallen, da man sich innerhalb des Videobildes interaktiv einbringen kann. Kommentare lassen sich kontextsensitiv in das Videobild eintippen – das ist nach meinem Kenntnisstand ein wirklich neues Feature. Die Frage wird sein, wie sich qualitative Kommentierungen durchsetzen lassen bzw. ein konstruktiver Spirit entsteht, der eine kollaborative Arbeit am Video ermöglicht. Inwiefern solche Meta-Kompetenzen der heutigen Jugend noch nahegebracht werden, soll an dieser Stelle bezweifelt werden. Allerdings könnte ich mir genau hier eine gute Ergänzung klassischer Lehrmethoden vorstellen. Die kollektive Bearbeitung einer Kursreihe mit einem moderierenden Lehrenden wäre vielleicht eine Blended-Learning-Übung, die allen Beteiligten etwas bringen könnte. Allerdings widerspricht das angestrebte Abo-Modell nicht diesem Einsatz …

Anyway, blicken wir wieder auf die konkreten Videos: Sofatutor weist sämtliche gängigen Social Media-Komponenten wie Tags, Links, Empfehlungen und Bewertungen auf, die user generated hinzugefügt werden können. Und schließlich kann das Video-Knowhow mittels einer Frage abgefragt werden. Genau dieser letzte Punkt ist ein aus meiner Sicht sehr kritischer, da sich hier ein Learning-Objects-Denken bemerkbar macht, das ich überwunden glaubte (oder hoffte). Sicherlich können mathematische Gleichungen oder Axiome (oder wie man dies auch immer nennen mag) abgeprüft werden – aber wie prüft man z.B. demokratische Teilhabe ab? Oder interkulturelle Kompetenz? Oder selbstständige Lernkompetenz?

Die 3. Rubrik, die Sofatutor anbietet, ist die Gruppenfunktion, die es Arbeitsgruppen erleichtern soll, sich zu organisieren. Soweit mir bekannt ist, wird dieses bereits seit einiger Zeit bereitgestellte Feature von einigen Studierenden aktiv genutzt, um Nachrichten, Termine, Links und Dateien zu koordinieren. Mir persönlich fehlt hier die Möglichkeit, per RSS oder iCal die Web 2.0-spezifischen Vorteile zu nutzen. Dieser Bereich ist bei Sofatutor noch klassisches Web 1.0: man muss regelmäßig die Gruppe aufsuchen, um nachzuschauen, ob sich etwas getan hat. Das ist wenig komfortabel und entspricht nicht dem Stand der Technik. Ich bin aber sicher, eine Feed-Anbindung an die moderne Welt wird sicherlich bald integriert, zumal die Nutzergruppen angesichts fehlender Meta-Kompetenzen (s.o.) trotz aller Digital-Native-Rufe bei weitem noch nicht alle im Zeitalter der modernen Informationsverarbeitung angekommen sind – zumindest nicht im deutschsprachigen Raum ….

Zur inhaltlichen Qualität

Tja, die inhaltliche Qualität der Videos kann ich bei fast 1.000 Videos (die zu 3/4 von 1 Person stammen) nicht wirklich beurteilen. Auch dies wird sich im Laufe der Zeit durch die Social-Media-Funktion der Bewertungen zeigen. Von der Qualität der Videos her, gibt es wenig zu beklagen. Die Videos lassen sich auch in Vollbild noch gut erkennen. Lediglich die Performance könnte in weniger gut mit Breitband-Anschlüssen versorgten Regionen zu einigen Ladehemmungen führen – an der Kompression muss noch etwas gefeilt werden. Alles in allem leistet Sofatutor in diesem Bereich gute Arbeit: Vor allem in Deutschland besteht noch großer Nachholbedarf, was die Akzeptanz von authentischen, selbst produzierten Inhalten anbelangt. Da könnte Sofatutor doch einen entscheidenden Beitrag leisten.

Dazu muss man wissen: Die so genannten 5-Minuten-Tutorials sind international super angesagt. Bereits im November 2007 wurden mehrere Portale vom Read-Write-Blog angeführt, die benutzergenerierte Videos vom Handwerkeln bis hin zu pragmatischen Bildungsinhalten bereitstellen – zumeist kostenlos und mit unglaublichem Erfolg – nicht zuletzt aufgrund ihrer Integration in gängige Social-Media-Kanäle, die im Stile einer viralen Marketing-Kampagne die Videos zu den Interessenten führen.

Zur Zukunftsfähigkeit

Genau darin sehe ich auch eine große Gefahr für Sofatutor. Da das kostenfreie Videoangebot zumindest im englischsprachigen Raum so immens ist und selbst Universitäten zunehmend über iTunes University oder den YouTube-Education-Channel ihre Vorlesungen online stellen, verfällt der inhaltliche Marktwert eines Videos. Einen Mehrwert können nur die zusätzlichen, sozialen Komponenten bringen. Inwiefern diese bei Sofatutor stark genug sind, um zunächst Schüler/innen für diese Lernform zu begeistern, bleibt abzuwarten. Nach meiner Einschätzung wird Sofatutor nur dann dauerhaft attraktiv sein, wenn es weitere Social Networking-Aspekte integriert und über eine vielfältige Vernetzung der teilnehmenden Personen einen Sog ausstrahlt, wie ihn derzeit nur SchülerVZ oder StudiVZ zu erzielen vermögen. Wenn es aber glücken sollte, das soziale mit dem nützlichen zu verbinden, also z.B. temporäre Lerngruppen zu gründen, um gemeinsam die Integralrechnung zu üben, derweil man gleichzeitig über profane Themen chattet, dann könnte ich mir einen großen Erfolg vorstellen.

Fazit

Der bisherige Stand der Videoplattform ist ein erster guter Schritt, allerdings noch zu sehr auf die alte eLearning-Doktrin der alleinlernenden Person zugeschnitten. Sofatutor muss insgesamt noch sozialer werden – nicht in Bezug auf die interaktive Arbeit am Video (das lösen sie bereits vorbildlich), sondern v.a. müssen die Lernenden & Lehrenden unter- und miteinander stärker verbunden werden.

Popularity: 20% [?]


Tags: | |

Verwandte Artikel:

About the Author

acw

acw

Eine Antwort to “Nochmals: Sofatutor goes online”

  1. [...] Sofatutor Blog » Review von Anja Wagner Trackback des [...]

Kommentieren Sie doch ;-)

Sie können diese XHTML Tags nutzen.: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <blockquote cite=""> <code> <em> <strong>