Das Web als Gespräch

Letzthin sprach ich mit meinen Kommunikationsdesign-Studierenden, inwiefern es heutzutage noch expliziter Websites bedarf, um die Arbeiten einer Person kontrolliert anzuzeigen. Mir selbst sind solch klassischen Websites viel zu sehr im 1.0-Denken angesiedelt und interessieren mich genau genommen überhaupt nicht mehr. Weder von Einzelpersonen noch von Unternehmen. Dieses Denken ist mir fremd. Getreu dem Motto: “Schaut her, was ich in meinem Schrebergarten angepflanzt habe! Ist es nicht wunderbar? Aber fasst es nicht an!” Auf solchen Seiten können Besucher/innen eventuell im Gästebuch möglichst belanglose Statements abgeben oder maximal anonym über ein Kontaktformular ihre Kritik oder eine andere direkte Ansprache an den Kommunikator richten. Alles in allem handelt es sich um das traditionelle Broadcasting-Modell: Man präsentiert sich monologisierend seinem gewünschten Publikum. Und wehe, es gefällt jemandem nicht. Dann wird verteidigt und gestritten, aber nicht bewertet und sich ausgetauscht.

Dagegen sehe ich eine virtuelle Repräsentation als Netzwerkknoten im großen, globalen Web. Sicherlich können auch hier die Arbeiten präsentiert werden – aber warum, bittschön, müssen meine veröffentlichten Fotos unbedingt auf meinem Online-Land liegen? Warum nicht dorthin gehen, wo Fotointeressierte nach guten Fotos fahnden? Wo man sich vernetzen kann mit anderen Fotograf/innen oder potentiellen Auftraggeber/innen?

“Märkte sind Gespräche”, so beginnt das berühmte Cluetrain Manifesto aus dem Jahre 2000. Dessen 95 Thesen sollte sich jedeR vergegenwärtigen, die/der darüber sinniert, sich im Web zu präsentieren. Es geht nicht mehr darum, ein (geschöntes) Bild von sich zu malen, sondern es geht darum, seinen persönlichen Entwicklungsprozess abzubilden. Möglichst authentisch, möglichst regelmäßig, möglichst unverstellt. Nur wer sich in das Netzwerk hinein begibt und sich mit anderen intensiv austauscht – über Ideen, über Inhalte und auch über Visionen – wird aufzeigen können, ob die persönliche Kommunikation nur gestaltet ist oder einem Wesenszug entspricht.

Insofern ist die Website-Gestaltung selbst völlig nachrangig zu betrachten – wichtig ist die aktive Arbeit in diversen Netzwerken. Offline, online – wie es gerade kommt. Aber wichtig ist die aktive Arbeit am Selbst als vielseitig andockbaren Netzwerkknoten. Das bedeutet in der Konsequenz, dass gute, dialogisch angelegte Profile auf Flickr, Youtube/Vimeo, delicious/diigo, sonstigen sozialen Netzwerken und ggf. ein (Micro-)Blogging-Kanal für textuelle Überlegungen ein wesentlich besseres Bild einer Person vermitteln als ein Website-Monolog.

Inwiefern dann die diversen Dienste über ein Profil, einen öffentlichen RSS-Reader oder vielleicht auch eine statische Website aggregiert werden sollten, um eine digitale Visitenkarte nach außen zu kommunizieren, muss jedeR nach seinen persönlichen Prämissen entscheiden. Viel viel wichtiger ist aber die Kommunikation mit den anderen – das gilt für das persönliche Marketing gleichermaßen wie für die eigene Entwicklung. Und übrigens auch für Unternehmen …

Diese Überlegungen nur mal so am Rande. Im Herbst 2009 starten wir den nächsten eVideo-Kurs zum Thema Marketing 2.0. Dann lade ich mir – und allen anderen interessierten Personen – Fachexpert/innen ein, mit denen es sich trefflich über moderne (Selbst-)Marketingstrategien im Zeitalter des Social Webs diskutieren lässt. Stay tuned!

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acw

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5 Antworten to “Das Web als Gespräch”

  1. Das sind sicherlich gute Ziele, und die Idee, dass man sich nicht zentral präsentiert, sondern verteilt über das Netzwerk finde ich persönlich gut – nicht nur, weil ich es selbst so handhabe.
    ABER,
    es ist keine 10 Jahre her, dass die Leute dich nach einer Visitenkarte gefragt haben und Websites noch gar kein Thema waren. Mittlerweile hat wenigstens (nahezu) jedes Unternehmen eine Website. Das ist insofern schon mal ein Fortschritt.
    Hier sieht die breite Öffentlichkeit kein Manko, insofern ist es fraglich inwieweit sich dieser Zustand ändern wird.

    Stichwort: Blase…

  2. Da auf Facebook mein Kommentar zu lang war, poste ich ihn hier erneut. Schade für FB.

    Das Problem besteht eigentlich in der Zahl. Wieviel Nutzer und (bei Unternehmen v.a.) potentielle Kunden sind denn in Netzwerken (wie man die auch immer definiert) tatsächlich auf der Suche nach Unternehmen. Oder andersherum, wieviele Auftraggeber suchen in diesen Netzwerken nach Auftragnehmern. Das wäre mal interessant dazu Zahlen herauszufinden… Ich denke, dass tendiert gegen Null?
    Deine Kritik ist, wie gesagt, sicherlich nicht falsch. Den Ansatz finde ich auch gut, und die Idee ist richtig. So kann aktiv Marketing betrieben werden und die Kunden/Menschen/Unternehmen können Beziehungen und eventuell auch Vertrauen aufbauen. Aber das wird in frühestens 5 Jahren tatsächlich so funktionieren. Eher später.
    Wenn ich Websites erstelle im Kundenauftrag, dann sorge ich dafür, dass SEO nicht nur klass. SEO ist, sondern dass die Social Networks darauf aufmerksam werden. Zumindest in dem Maße, in welchem man als Webdesigner das kann.
    Solch ein aktives Einbringen in (nicht nur) Social Networks ist ein langwieriger, aufwändiger Prozess. Wenn ich mir nur überlege, dass ich als Unternehmen bei Twitter aktiv wäre… Je größer die Followerzahl und je mehr persönliches Interesse am Unternehmen oder Produkt besteht, desto weniger kommt man zu anderen Dingen. Man sitzt eigentlich den ganzen Tag da, und tritt in den Dialog mit seinen Kunden, Fans und Freunden. Was sicherlich positiv ist und von vielen praktiziert werden sollte. Nur wer bezahlt dich dafür? Bei welchem Unternehmen bewerbe ich mich als Twitterer? ;-)

  3. [...] vom Web. Über traditionelle “Sites” (bzw. Pages, oft sind es ja nur eine handvoll) regt sich eduFuture zu Recht auf. Nur wie macht man der Branche klar, dass sie ein Problem hat? Kreativität ist in der kreativen [...]

  4. so, die diskussion ging ja auf facebook weiter – was man leider nicht hier verbinden kann :-(

    von anderer seite unterstützung für meine these erhalten: Google ist Deine Homepage! (Noch):
    “Doch ein Engagement in all den Social Networks, in denen man aufgrund einer Zielgruppenanalyse (potenzielle) Kunden und Multiplikatoren vermutet, sollte nur den Anfang des Social Media Engagements jedes Unternehmens darstellen. Letztlich gilt es, den eigenen Unternehmensauftritt an die Online-Kommunikation im Jahre 2009 anzupassen: Socialize Your Website!”

  5. Trackback:
    Urlaub 2.0 in Österreich: Mit Weblogs im Gespräch bleiben

    [...] Das Web(2.0) ist Gespräch, wie Anja C. Wagner in ihrem eduFutureBlog unlängst wieder einmal anmerkte [...]

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