Dokufilme reloaded

Letzten Montag diskutierte ich im eVideo-Expertengespräch mit Nikolai Longolius von der schnee von morgen webTV GmbH über ihren Ansatz, Lean-Back-TV-Formate ins Web zu bringen. Sicherlich, sie haben sich mit dctp.tv nun wirklich das Sahnehäubchen des alten Fernsehens geschnappt und bringen nun im redaktionell betreuten Loop die archivierten Filme Alexander Kluges auf die Web-Leinwand. Als Ziel und Hoffnung steckt dahinter, werbefinanziertes Qualitätsfernsehen für den exquisiten Geschmack feilzubieten und die Zuschauer/innen auf die Webseite zu locken, weil nur dort größere Werbeeinnahmen realisierbar sind. Zu diesem Zweck wird sehr modern die komplette Social Media Marketing-Palette bespielt – bis hin zu einzelnen Youtube-Angeboten, die die Leute auf den Geschmack bringen sollen.

So weit, so gut.

Ich selbst bin skeptisch, inwiefern klassische Broadcasting-Modelle wirklich im interaktiven Web funktionieren. So konnten wir uns im Gespäch auch nicht recht einigen, ob es sich eher um altes 1.0-Denken (meine These) oder fast revolutionäres, weil gegenläufiges Denken im Web 2.0 (so Niko’s These) handele. Niko argumentiert, dass die Menschen gar nicht immer im Lean-Forward-Modus agieren möchten. Stimmt vielleicht, aber möchten sie wirklich am PC-Bildschirm (und sei er noch so gross) dauerhaft und passiv längere Filme sehen? Ich selbst, so meine persönliche Erfahrung, rufe regelmäßig Web-Vorträge o.ä. auf, aber ich schaue nicht wirklich zu, sondern höre sie im Hintergrund in einem Browser-Tab und fokussiere das Videobild nur dann, wenn es mir wichtig erscheint. Und wenn schon lean back, dann doch bitte mit einer größeren Auswahl – oder gleich ins Kino gehen. Was mir nämlich fehlt – und da hilft mir kein Joost, Miro, Hulu oder was-weiss-denn-ich, von dem Bertram in unserer eVideo-Gugel-Kolumne regelmäßig berichtet: Mir fehlt ein guter Aggregator, den ich usable bedienen kann und der mich durch qualitativ anspruchsvolle Angebote individuell browsen lässt.

Anyway – das ist meine persönliche Ansicht, die offenbar von einigen anderen geteilt wird, so interpretiere ich jedenfalls die Aktivitäten von z.B. Yovisto, iTunesU, YouTube Edu oder der entstehenden Bildungsrepublik, die allesamt den Versuch unternehmen, qualitativ gute Videoangebote zu aggregieren – zwar mit unterschiedlichen Ansätzen, aber geeint im Versuch, einen Zugang zum breiten Videomarkt zu bieten.

Warum ich aber überhaupt mit diesem Blogbeitrag begann: Es trudelte nämlich zufälligerweise bei mir der Hinweis auf eine weitere Videoplattform ein: getDocued (gD) sieht sich als neue Dokumentarfilm & Vortrags-Seite:

Die junge Plattform bietet derzeit bereits mehrere hundert Links zu Online-Dokus in den Bereichen Politik, Kultur, Globalisierung, Wissenschaft, New Technology, Lebensart – und wächst täglich. Mit im Programm sind neben Links zu deutschen und internationalen Online-Dokumentarfilmen auch Vorträge und Diskussionen von Universitäten und Akademien weltweit.

Hier scheinen auch Dokumentationen aus TV-Anstalten verlinkt und redaktionell eingebunden zu sein – also, man könnte sagen, sie aggregieren alle anderen Dokumentationen, die neben Alexander Kluge entstehen. Von der Usability ist es auf den ersten Blick noch etwas unübersichtlich und die Funktionalität drängt sich einem nicht direkt auf – aber vom Ansatz her ist dieses Verfahren natürlich sehr viel näher am Web 2.0 als dctp.tv. Natürlich werden sie niemals mehrere Tausende oder gar Millionen (und das sind die Dimension der schnee von morgen) Zuschauer/innen gleichzeitig bedienen können – die Frage ist nur: Ist dies überhaupt erforderlich heutzutage, wenn jedeR sich den Film dann anschauen kann, wann es ihm/ihr in den zeitlichen Ablauf passt?!

Tja, das sind so die Fragen der Web-Videowelt. Leider steht hinter solch interaktiven, aggregierenden Grassroots-Konzepten nicht die finanzielle Macht wie hinter den klassischen TV-Formaten. Denn spannend wäre es schon, zu verfolgen, wie Nutzer/innen bei freier Wahl ihren Videokonsum organisieren. Es würde mich arg wundern, wenn nicht neue, weit interaktivere, transparentere, gleichberechtigtere Formate die Nase vorne hätten in der Zuschauergunst. Ich bin gespannt, wie sich die Entwicklung fortsetzt. Derzeit haben wir es mit einem noch etwas ungerechten Kampf zu tun.

Wobei ich beiden Fraktionen viel Glück wünsche und viel Erfolg – ehrlich!
Warten wir sportlich ab, was die Filmgeschichte uns bringt ;-)

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Eine Antwort to “Dokufilme reloaded”

  1. Eine kleine Anmerkung hätte ich zu Ihrem Text: natürlich kann und wird getDocued auch Beiträge von Alexander Kluge aufnehmen. Darum geht es ja gerade, die Perlen der Doku- und Vorlesungswelt zu sammeln und zu rezensieren.

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