Ich bin ein Netzwerkknoten
Es kam die Frage auf, wie sich meine “Lehrzeit” gestaltet, wenn ich mehr on- wie offline Studierenden einen Weg ins Web 2.0 versuche aufzuzeigen. Zwischen den Zeilen vermeint man zu hören: Ist das denn Arbeit oder nicht vielmehr ein Weg, sich auf elegante Art und Weise auf die faule Haut zu legen? Kann man den Arbeitsaufwand vergleichen mit einer klassischen Vorlesung oder der seminaristischen Lehre? Dabei muss man wissen: Unser aktuelles Bildungssystem finanziert Dozierende nur für die Live-Anwesenheitszeit – Vor- und Nachbereitungen werden nicht bezahlt. Wie also honoriert man asynchrone Online-Arbeiten? Und wie erklärt man den derzeitigen Wandel?
Ich denke, einig sind sich fast die meisten Menschen: Das derzeitige Bildungssystem ist an seine Grenzen gestossen. In verschulten Studiengängen paukt man Lernenden einen curricularen Stoff ein – und prüft diesen am Semesterende ab. Anschließend gibt’s einen Schein – hat man genügend Scheine gesammelt, darf man eine knappe Abschlussarbeit schreiben, die den Umfang früherer Hausarbeiten hat – fertig ist der junge Mensch für die Arbeitswelt.
Diesem Verständnis stemmen sich an verschiedenen Hochschulen derzeit die Studierenden entgegen (siehe unibrennt):
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Allerdings greifen die Studis meines Erachtens mit ihren Forderungen etwas zu kurz. Nicht die Studiengebühren sind das Problem, auch nicht vorrangig der Bachelor oder Master – vielmehr will mir das funktionale Verständnis der Bildung als das Grundübel erscheinen. Obwohl seit Jahrzehnten allen bewusst ist, dass es eben nicht mehr um Wissens- und Kompetenzvermittlung gehen kann, hat sich dieses Verständnis so tief in die bürokratischen Strukturen eingeschrieben, dass in der Zwischenzeit Verwaltungsmenschen über die ordnungsgemäße Abwicklung entscheiden – und nicht bildungspolitisch oder pädagogisch gebildete Personen, die sich selbst weiterentwickelt haben und die sozio-kulturellen Umwälzungen versuchen zu verstehen.
Was derzeit geschieht, ist – verkürzt dargestellt – folgendes:
Obwohl uns allen bewusst ist, dass wir in einer zunehmend globaleren, mobileren Welt leben, in der keine lebenslangen Berufsbiographien mit der ursprünglichen Ausbildung festgelegt werden, hat sich an den Bildungsinhalten so gut wie gar nichts verändert. Lehrende, die sich selbst vor mehreren Jahrzehnten durch die Bildungsanstalten quälten, vermitteln diesen Stoff an die nächste Generation und bilden gerne Kompetenzen aus, die oftmals rückwärtsgewandt sind. Wie will man virtuelle Teamarbeit lernen, wenn man sich systembedingt immer in einem Raum an einem bestimmten Ort zu einer vorgegebenen Zeit treffen muss? Wie will man lebenslang lernen lernen, wenn man nie gelernt hat, selbstständig Wissen und aktuelle Kompetenzen zu entwickeln? Wie lernt man Netzwerke nutzen, wenn es nur darum geht, die richtige Antwort bei der Prüfung zu kennen? usw. usf.
Vieles liegt im Argen – und man kann als “Lehrende” nur individuell versuchen, vorhandene Lücken zu finden und sich dort als Lernbegleitung zu betätigen. Neues Wissen kollaborativ zu erarbeiten, die Grenzen zwischen Lehren und Lernen zu verwischen und sich gemeinsam in neue Thematiken einzuarbeiten. Beständig – aus Prinzip. Vorzuleben, wie man als Netzwerkknoten in einer international vernetzten Welt leben kann, wie man sich informieren kann, wie man sich hineinbegibt in den Fluss und wie man sich austauscht. Eben aktuelle Kompetenzen zu entwickeln und nicht zu vermitteln. Wie will man die Notwendigkeit einer medialen Vernetzung vermitteln? Über eine Vorlesungsreihe oder eine geführte Übung im Klassenraum?
Meine Präferenz mündet in Projektarbeit im vernetzten Verbund. Mich selbst vor inhaltliche Herausforderungen zu stellen und als Vorturnerin im Netzwerk zu agieren, dezent in verschiedene Medien hineinführend, ohne pädagogischen Zeigefinger zu agieren. Einfach vorleben und die “Lernenden” in das eigene Netzwerk integrieren. Sich im eigenen, ständigen Bildungsprozess zeigend, kontinuierlich neues Wissen aggregierend und erarbeitend, gemeinsam reflektierend – in und mit den Medien. Kompetenzentwicklung als Kollateralschaden der vernetzten Arbeit sozusagen.
Am liebsten im Stile des Open-Teaching-Ansatzes des CCK08-Kurses, den ich selbst vor einem Jahr mit einigen Studierenden durchlief und dessen Spielfelder Jochen Robes hier gut dokumentiert.
Natürlich ist das schwierig umzusetzen in einem unflexiblen System, in dem die Studierenden sich abstrampeln, die nächste Prüfungsphase gut zu überstehen, wenig Zeit bleibt für Persönlichkeitsentwicklung und kurzfristige Erfolge mehr belohnt werden als langfristige Entwicklungen.
Aber ich sehe es so: Wenigstens eine Idee vermitteln, wie man vielleicht AUCH lernen könnte – intensiver, nachhaltiger, fundierter. Einen größeren Anspruch vermag ich in den gegebenen Strukturen nicht verfolgen. Aber immerhin. Wenn ich mir ansehe, wieviele ehemalige Studierende sich später in mein eigenes Netzwerk integrieren, von denen ich selbst unglaublich vieles lerne, dann hat sich die Arbeit gelohnt.
Ach so, die Frage war ja, was an Arbeitsaufwand anfällt. Ich würde sagen, durchschnittlich pro TeilnehmerIn 0,2749h die Woche – vielleicht aber auch mehr oder weniger – kommt auf die Netzwerkaktivität der TeilnehmerInnen an – auf jeden Fall W E I T mehr als das gegenwärtige Bildungssystem zu zahlen bereit ist
Siehe hier die Aufgabenfelder eines Lerncoaches in solchen Szenarien:
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