Identität 2.0 – Leben im mobilen Zeitalter

Am 10. April 2010 startet der nächste eVideo-Fortbildungskurs – das Thema lautet: “Identität 2.0 – Leben im mobilen Zeitalter”.

Worum geht’s?

Wenn wir derzeit einen Blick auf den Puls der Web 2.0-Gemeinde werfen, so ist dieser Winter geprägt von sich überschlagenden Hypes technologischer Revolutionen. Zunächst reüssierte Google mit seinem neuen Google Phone, dem Nexus One, das erstmalig explizit für die Nutzung der gesamten Google-Palette optimiert sein soll und neue Interaktionsmomente generiert.

Kaum verflachte sich die Erwartungskurve an dieses Handy, brachte Apple sein iPad auf den Markt, das – als neues Konsumspielzeug konzipiert – die Mediennutzung klassischen Contents ermöglicht und damit viel Hoffnung bei alten Kulturindustrien hervor rief (siehe z.B. diesen FAZ-Artikel von Frank Schirrmacher, seines Zeichens Herausgeber der Zeitung und derzeit massiv auf der Suche nach einer neuen Berechtigung für alte Medien).

Und kaum ist diese Nachricht verdaut, erweitert Google seine Palette um Google Buzz, eine Entwicklung hin zu Social Networking-Funktionen, die fortan auf der Verbindung von mobilen Daten und PC-basierter Weiterverarbeitung als Content aufbauen. Die Trennung zwischen stationär und mobil wird hier nahezu vollständig aufgehoben – die Funktionen ergänzen sich komplementär – das System gibt nicht mehr vor, mit welchem Gerät man auf den digitalisierten Strom zugreifen soll.

Für den Sommer wartet bereits in der Pipeline das neue iPhone mit 4G-Netzwerk – damit werden mobile Internetverbindungen noch schneller sein. Und Google lässt mit Chrome OS für den Sommer das erste (mobile) PC-vergleichbare Endgerät mit komplett webbasiertem Betriebssystem erahnen. Von dem Moment an arbeiten Menschen ausschließlich nur noch in der Cloud – private digitale Besitztümer werden nicht mehr physisch auf dem persönlichen Eigentum gespeichert, sondern webbasiert vorrätig gehalten.

Wie wir entlang dieser Entwicklungen sehen:
Das Innovationskarussell dreht sich derzeit rund um Google und Apple – alle anderen schauen atemlos zu, wie die digitale Netzwelt durchpflügt wird und am Ende kein Stein mehr auf dem anderen stehen wird. Letztlich entscheidet sich in dieser Schlacht, wie unser mobiles digitales Leben ausschauen wird: Entweder getrieben durch einzelne Applikationen, die jedeR nach eigenem Geschmack zwar downloaden (zunehmend kostenpflichtig) und konsumieren kann, letztlich aber unabhängig nebeneinander bestehen bleiben. Oder auf einem werbungsfinanzierten, offenen, integriertem Browserkonzept beruhend, das den Menschen gegenüber zunächst mit kostenfreien Angeboten entgegentritt.

Dazwischen wir Menschen, User genannt, die sich zu orientieren suchen, gerne die Vorteile mitnehmen, aber auf die Nachteile verzichten möchten. Gartner prognostiziert für das Jahr 2013, dass bis dahin bei 20% aller geschäftlichen User soziale Netzwerke den eMail-Verkehr als primärer Kommunikationskanal ersetzt haben werden. Zudem erwartet Gartner bis zum Jahresende 2010 einen Anstieg webbasierter Handys auf 1,2 Milliarden Menschen. Und Morgen Stanley zeigt auf, dass das mobile Internet nicht nur von Handys, sondern auch von Spielekonsolen, Autoelektronik, eBook-Readern etc. geprägt sein wird.

Mobile Internet

Die mobilen Kulturtechniken schreiten also voran und für dieses Jahr erwarte ich die breitere Nutzung vielfältiger Augmented Reality-Angebote. Seit einiger Zeit existieren hier verschiedene Ansätze, ortsbezogene Informations- oder Kommunikationsangebote bereitzustellen, die Usern bei Interesse im mobilen Dasein unterstützen. Was spätestens hier deutlich wird, ist eine Entwicklung, nahezu die gesamte physische Welt mit digitalen Layern zu durchsetzen. Oder wie Tim O’Reilly meinte: jeder reale Gegenstand besitzt zwischenzeitlich einen digitalen Informationsschatten. Nicht nur einen von externen Kräften designten, sondern einen sich in der sozialen Praxis generierenden und sich ständig verändernden Schatten.

Diese Entwicklungsdynamik wird sich voraussichtlich so lange selbst überholen, bis eine vollständige Digitalisierung unserer “realen” Welt gegeben ist bzw. wird die reale Welt eine zugleich komplett digitalisierte sein, die keine Grenze mehr kennt zwischen “virtuell” und “real”. Und damit sind nicht nur bewußte Akte der digitalen Nutzung gemeint, sondern gleichsam die schleichende Digitalisierung unserer Alltagsgeschäfte, die von der Krankenkarte über die Bankkarte über Paybackkarten bis hin zu Überwachungskameras nahezu das gesamte öffentliche Leben dokumentiert.

Wie geht man mit all dem um? Darum soll es u.a. in dem neuen Kurs gehen. Wie könnten persönliche Konzepte für eine moderne Trennung von Öffentlichkeit und Privatleben ausschauen? Wie sieht moderner Datenschutz aus? Oder meinen wir damit Datensicherheit? Was wollen wir eigentlich schützen? Wollen und können wir die persönliche Kontrolle über all die aggregierten Daten ausüben? Oder müssen wir uns wirklich im Zuge diesen “Fortschritts” damit abfinden, durchschaubar geworden zu sein, wie mspro meint? Wird es zukünftig noch analoge Inseln geben, auf denen einzelne Menschen leben, die sich fern aller oder der meisten Datenströme bewegen können? Oder können wir wenigstens noch Einfluss nehmen auf die Datenverknüpfungen?

Dies alles sind wichtige Fragen unserer Zeit – vielleicht mit die drängendsten, um unser gesellschaftliches Selbstverständnis neu zu sortieren. Wie wollen wir leben? Wie können wir die Vorteile einer algorithmisch generierten Buchempfehlung bei Amazon nutzen ohne gleichzeitig absolut gläsern z.B. hinsichtlich unserer politischen Einstellungen zu sein? Wie können wir uns noch frei im öffentlichen Raum bewegen, ohne von jeder Handykamera umgehend mit allen Charaktereigenschaften identifiziert zu werden? Es geht mit anderen Worten um die Selbstbestimmung über unsere individuelle Einzigartigkeit und die persönliche Freiheit, das eigene Leben selbst entscheiden zu können. Und das bedeutet auch, jederzeit (!) die Möglichkeit zu haben, einen Schwamm über vergangene Irrwege wischen und nochmals neu starten zu können. Es geht – wie könnte es anders sein – um unsere Identität.

Was ist das eigentlich, unsere Identität?

Wenn wir Heinz Abels folgen, ist Identität ein Konstrukt, eine eigene Biographie, die wir uns selbst zuschreiben, unser Bild von uns in einer gegebenen Situation. Identität ist damit ein Zustand auf Zeit. Sie verbindet unsere Vergangenheit mit einer selbst gewählten möglichen Zukunft. Sie verknüpft unsere verschiedenen sozialen Rollen zu einem sinnvollen Muster. Während mit Individualität ein einzigartiger Stil gemeint ist, der von anderen wahrgenommen wird und in der Rückspiegelung das Muster unseres persönlichen Handelns prägt, kennzeichnet Identität das individuelle Bewusstsein dieses Stils. Wir spielen also Theater, präsentieren uns gleichzeitig als Subjekt wie Objekt und versuchen unserem Bild über eine individuelle Narration einen Kern zu geben. In der Identitätsfrage schwingt insofern die Angst vor dem vermittelten Bild mit, das nicht unserem gewünschten Abbild entspricht, das wir gerne vermitteln möchten.

Vor dem Lichte der Digitalisierung betrachtet, könnte unser Bild also zunehmend von verknüpften Datenspuren generiert und immer weniger von unserer eigenen Narration definiert sein. Nur wer sein Abbild konsequent auf ein gewünschtes Ziel ausrichtet, wird vielleicht mit seinem generierten Bild leben können – sofern man nicht eines Tages einem anderen Lebensentwurf folgen möchte. Die so gerne geforderte Authentizität, die Einzigartigkeit eines Menschen, geht in diesem schablonenhaften Leben unter.

Nun stellt sich die Frage: So what?

Bieten uns die sozialen Medien, die wir aktiv nutzen können, Möglichkeiten, eine dynamische Narration zu entfalten, die einen subversiven Interpretationsspielraum eröffnen, wie die Vielzahl an Datenspuren zu lesen sei? Oder stellt die soziale Vernetzung eine Zumutung dar, da Identitäten in dieser ständigen Auseinandersetzung mit dem sozialen Umfeld ihre eigenen Ansprüche kaum in eine Balance bekommen? Können wir überhaupt noch dieser ganzen Entwicklung entfliehen? Oder können wir eine Identitätskompetenz aufbauen, um kontextspezifische Teilidentitäten aufzubauen, also z.B. eine digitale und eine nicht-digitale Teilidentität? Lässt sich das Ganze mit einem klugen individuellen Identitätsmanagement lösen? Und überhaupt: Wie lässt sich eine professionelle Identität aufbauen, die uns für das Selbstmarketing oder als Corporate Identity gut ins Spiel bringt, ohne uns gleichzeitig zu offenbaren?

All diesen offenen Punkten möchten wir in unserem neuen 16-wöchigen eVideo-Kurs an der HTW Berlin, der weitestgehend online vollzogen wird, aber auch einige Präsenzveranstaltungen umfasst, nachgehen. Nicht abstrakt als theoretisches Seminar, sondern als Erkundungstour im digitalen Netz und in diesem Semester auch im mobilen Raum. Wir werden gemeinsam versuchen, wichtige Fragestellungen zu definieren und diesen gemeinsam nachzugehen. Wir werden Chancen und Risiken versuchen abzuwägen und persönliche Identitätsstrategien entwickeln. Wie immer unterstützt durch eine Vielzahl an Fachexpert/innen, die uns allmontäglich mit neuem Input versorgen, und eingebunden in ein soziales Lernsetting, das individuell ausgestaltet und je nach persönlichem Engagement genutzt werden kann.

Insofern baut dieser Sommersemester-Kurs auf 4 Säulen auf:

  1. Die Identitätsfrage analog zu “Wer bin ich und wenn ja wie viele?”
  2. Die mobile Frage entsprechend der Maßgabe: Die digitalisierten Layer der realen Welt
  3. Die Social Media-Frage gemäß der sich durchsetzenden Erkenntnis: Der Mensch ist ein soziales Wesen
  4. Die Videofrage getreu der Frage, ob Bilder den Text als neues Leitmedium ablösen

Wir laden alle BerlinerInnen an den Schnittstellen von Bildung, Kultur und Medien ein, sich mit uns gemeinsam aktiv auf den Weg zu machen in das digitale mobile Zeitalter. Vor allem Einsteiger/innen in das Web 2.0 dürfen sich ermuntert fühlen, in diesem kreativen Rahmen erste Gehversuche zu unternehmen. Aber auch alle anderen inhaltlich Interessierten seien aufgerufen, sich diesen Fragen zu stellen und in einem modernen Lern- wie Forschungsarrangement die kollaborativen Potenziale zu nutzen und uns wechselseitig zu fördern. Wer in diesen thematischen Kontexten behauptet, eine fertige Lösung bereit stellen zu können, der hat m.E. die Vielfältigkeit der Risiken und Chancen noch nicht annähernd begriffen. Wir müssen gemeinsam versuchen, ein neues Verständnis aufzubauen – wie auch immer dies am Ende ausschauen wird. Auf jeden Fall ist es wichtig, möglichst viele Menschen in diesen Diskurs einzubinden. Lasst uns gemeinsam nachdenken – jedeR von seinem Startpunkt ausgehend – nur fortschreitend, das wäre hier die Voraussetzung. An der Teilnahmegebühr in Höhe von 50 Euro sollte es wohl nicht scheitern ;-)

Weitere Informationen zum Kurs finden sich hier.

Popularity: 3% [?]


Tags: | | |

Verwandte Artikel:

About the Author

acw

acw

2 Antworten to “Identität 2.0 – Leben im mobilen Zeitalter”

  1. Wegen Urlaubs habe ich diesen Artikel erst jetzt gelesen. Danke für diese kluge Zusammenfassung der aktuellen Entwicklungen – online und mobil – und wie sich diese auf unsere Identität im digitalen Zeitalter auswirken. Ist doch immer wieder schön, wenn jemand für einen einen Schritt zurücktritt und sich das Gesamtbild aus einiger Entfernung anschaut, da kommt man ja selten selbst zu angesichts der Flut von Neuigkeiten und Neuentwicklungen.

    Seit meiner Teilnahme am eVideo-Kurs im Sommer 2008 ist meine Wahrnehmung gerade für die Fragen der digitalen Identität wesentlich geschärft (danke noch mal dafür!), auch wenn meine Haltung dazu täglich wechselt. Es ist wirklich eine schwierige Frage, deren Beantwortung mit der fortschreitenden technischen Entwicklung immer komplizierter wird.

    Grüße und alles Gute für den neuen Kurs!

    Jennifer.

  2. Danke, Jennifer. Bin auch gespannt auf den Kurs. Habe mir eine schöne Fortbildungsveranstaltung zusammen gestellt ;-)

    Schönen Gruss zurück :-)

Kommentieren Sie doch ;-)

Sie können diese XHTML Tags nutzen.: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <blockquote cite=""> <code> <em> <strong>