Facebook – und was nun?

Es ist kein Geheimnis, dass ich seit einigen Jahren Facebook benutze zur Organisation der eVideo-Kurse. Keine andere Medienumgebung vermag so plastisch und schnell die Vor- wie Nachteile des vernetzten Lebens und Lernens aufzuzeigen wie dieses globale Tool. Die Dynamik, die sich auf dieser geschlossenen, sozialen Informations- und Kommunikationsplattform entfaltet, ist mitsamt des inhärenten Spaßfaktors wie offenkundiger Ernsthaftigkeit der Teilhabe wirklich beeindruckend. Gleichwohl markiert Facebook für mich persönlich nur einen verkümmerten Arm des modernen Webs. Privat nutze ich die Plattform nur am äußersten Rande – wie ich überhaupt davon abrate, allzuviel Privatleben in den sozialen Medien auszubreiten. Und für meine beruflichen Vernetzungen sind mir die paßgenauen Zuschnitte meiner persönlichen 2.0-Arbeitsumgebungen doch weitaus lieber. Dort kann ich meine Zeit und mein Netzwerk effizient und je nach Tagesform sehr graduell nutzen und auch meinen Input wesentlich vielfältiger und vor allem selbstbestimmter einbringen.

Nun sind vielleicht nicht alle Menschen interessiert daran, ihr berufliches Netzwerk primär über soziale Medien zu pflegen, sondern suchen in diesen Umgebungen eher nach kurzweiliger Abwechslung und halbwegs intelligenter Unterhaltung. Insofern sind diese Menschen schnell zufrieden gestellt mit den Potenzialen von Facebook und schliessen damit ihre virtuelle soziale Erkundungstour ab. Wenn sich aber das alltägliche Internet-Leben zusehends in dem geschlossenen Rahmen von Facebook abspielt, entsteht dort eine Regulierungsbehörde, die absehbar weitaus größeren Einfluss auf unseren Datenverkehr haben wird als wir derzeit Google zuschreiben. Angesichts der gigantischen Wachstumszahlen von Facebook, die dieses Jahr vielleicht die erste halbe Milliarde an registrierten Personen sprengen, kommen mir langsam Zweifel, ob ich dieses proprietäre Treiben weiter unterstützen soll, indem ich in meinen Kursen aufzeige, wie man diese Umgebung auch beruflich nutzen kann.

Von daher möchte ich heute damit beginnen, die Vor- und Nachteile von Facebook als Erfahrungsraum für die kulturellen Ausdehnungen des Social Webs zu reflektieren und gegenüberzustellen. Ich füge hier meine derzeitige Sammlung an Punkten an, die ich sogleich in ein Etherpad (Link aktualisiert am 18.05.2010 – siehe Kommentar #3) überführe, damit andere ihre Argumente hinzufügen können. Vor diesem Hintergrund liesse sich dann ggf. ermessen, welche Alternativen derzeit bestehen, um die Vorteile anderweitig aufzubauen und die Nachteile zu umgehen.

Vorteile von Facebook bei der Einführung in vernetztes Lernen

  • individuelle Verantwortung für Vernetzung
  • informeller Informationskanal, wenn ein Netzwerkknoten einer neuen Gruppe/Fanpage beitritt
  • einfaches Aufsetzen eigener Communities of Practice
  • fun based Information Working
  • Wahrnehmung des Menschen als Schnittmenge aus Privatleben und Öffentlichkeit
  • Möglichkeit des Aufbaus eines Lifestreams, der sich aus anderen Social Media-Exponaten speist und als Live-ePortfolio fungiert
  • Gefühl für positive Aspekte der Globalisierung
  • zentraler mobiler Zugriff auf den Informations- und Kommunikationskanal vernetzter “FreundInnen”
  • kein Geek-Verständnis von Medientechnologie erforderlich, um einsteigen zu können
  • Möglichkeit, die Weak Ties im Umfeld von Strong Ties zu pflegen

Nachteile von Facebook

  • Zwang zur Öffentlichkeit und komplexe Privatsphären-Einstellungen
  • Vermischung von Privatkontakten mit beruflichen -> Frage: Wie privat können und wollen wir in diesen digitalen Zeiten noch sein? ( siehe Identität 2.0)
  • proprietäre Anwendung mit kommerziellen Interessen und insofern wenig Interesse an Export-Schnittstellen
  • Social Gaming und Spam-Fun verunmöglichen gezielte Informationsaufnahme -> keine individuellen Konfigurationsmöglichkeiten gegeben
  • Facebook Connect absorbiert viele Web-Angebote in seinen Dunstkreis (sehen manche auch positiv als Anbindung an soziales Netzwerk)

Fazit

Die Vorteile von Facebook zu nutzen und gleichzeitig die Nachteile zu meiden, scheint für technologische Geeks unproblematisch zu sein, nicht aber für Standard-MediennutzerInnen. Es entsteht ein neuer Digital Gap und wir können ein neues digitales Schichtenmodell erkennen. Derzeit lassen sich m.E. die Menschen weltweit differenzieren je nach ihrer …

  1. Social Web Kompetenz
  2. Social Networking Kompetenz
  3. Klassische Suche- und eMail-Kompetenz
  4. Offline-Kompetenz

Bislang meinte ich das Ziel verfolgen zu können, die Social Web Kompetenz über die Social Networking Kompetenz andeuten zu können. Wenn sich aber Facebook immer weiter Richtung proprietäres Alternativ-Web entwickelt, dann bleiben die Menschen darin verfangen und vermögen kaum die Potenziale eines freien Webraumes  zu erfahren. Die Frage ist also, wo sich Alternativen auftun, um diesen globalen sozialen Aspekt erfahrbar zu gestalten. Nicht als proprietäre Open-Source-Alternative, sondern als wahrhaft vernetzte Online-Welt, über die auch EinsteigerInnen aus der dritten (und ggf. vierten) digitalen Kompetenz-Schicht sich Zutritt verschaffen könnten. Klassische Community of Practice-Plattformen (wie Mixxt, Ning, Crowdvine, o.ä.) stellen dabei keine Alternative dar, da sie nur eine Binnensicht auf Bekanntes ermöglichen und den Serendipity-Effekt nicht forcieren. Aber wie könnte eine unkommerzielle, freie, offene, vernetzte Struktur ausschauen? Wo finden sich Ansätze? Das ist mir persönlich derzeit unklar … Vielleicht kann mir jemand weiterhelfen?

Ich bitte dringend um Mitarbeit – besten Dank im Voraus :-)

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acw

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4 Antworten to “Facebook – und was nun?”

  1. Wenden Sie sich an die Aussteiger: Da sind Unmengen an Negativitäten zu finden:

    http://www.ausgestiegen.com/warum-aussteigen

    Zum Blogeintrag: Schön, dass auch mal FB-Kritik geübt wird und dieses menschengemachte Übel nicht noch weiter verherrlicht wird. Ja, es bietet zahlreiche Vorteile, um das Leben und die Berufswelt zu vereinfachen, gar zu beschleunigen. Als technophiler Zeitgenosse, mit fester Überzeugung, dass die Vorteile unserer technologischen Errungenschaften überwiegen, kann ich jedem nur raten,

    1. möglichst wenig auf Facebook “abzuhängen”
    2. wenn möglich, Vorteile und Nachteile identifizieren, analysieren und, wie in diesem Beitrag erwähnt, die Vorteile nutzen/Nachteile vermeiden.

    Dies muss auch dem Standard-Mediennutzer vermittelt werden. Irgendwie. Sonst endet das wie mit der Bild-Zeitung: Ein Massen-Produkt ohne Qualität! Existenz-Legitimation ist allein die Beliebtheit bei den Massen. Der Digital Gap wird kommen. Facebook ist das Opium fürs Volk im 21. Jahrhundert, ganz eindeutig. Klar, das Fernsehen hatte auch seine Bildungsabsichten, war aber zum Großteil Ablenkungs- und Besänftigungsmedium Nummer 1 im 20. Jahrhundert. Das Interessante ist: Facebook ist kein Medium, es ist nur ein Tool.

    Aber viele Ihrer oben aufgeführten Vor- und Nachteile lassen sich auch auf das “Medium” Internet projezieren. Das Internet kann eLearning bedeuten, v.a. im Zuge der Entwicklungshilfe und dergleichen. Auch hier gilt: Vorteile erkennen und nutzen, Nachteile erkennen und vermeiden!

    Gezeichnet: /

  2. [...] diesem Grund stimme ich der Aussage „Facebook – was nun?“ http://edufuture.de/2010/02/22/facebook-und-was-nun/ zu, dass jeder für sich die Vorteile, hier speziell von Facebook nutzen und dabei die Nachteile [...]

  3. Oh, nein – ich vergaß diese Etherpad-Sammlung zu archivieren und auf eine andere Plattform zu kopieren. Ach Mensch, wie schade :-(

    Jetzt nochmals die Vor- wie Nachteile in ein neues Titanpad eingefügt – vielleicht mögen die bisherigen Kollaborateure ihre Punkte nochmals hinzufügen? Sorry, aber das ist die Dynamik des Echtzeit-Webs …

    Hier der Link zum neuen Etherpad: http://titanpad.com/fb-lernraum

  4. [...] Comment! In meinem letzten Beitrag habe ich schon angedeutet, dass soziale Netzwerke ein ziemliches Problem haben, was den Datenschutz anbelangt. Dieses Thema wird auch in diesem Artikel diskutiert: Facebook – und was nun? [...]

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